Ausgabe 154

Jonathan's Space Report                          Übersetzung von Markus Dolensky
Nr. 154                                                             18. Mai 1993
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Space Shuttle
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Columbia kehrte am 14. Mai auf einer 747 zum KSC zurück und ist jetzt im 
Orbiter-Wartungshangar, wo sie auf die Mission STS-58 im August vorbereitet 
wird. Die nächste Mission STS-57 mit Endeavour ist für den 3. Juni geplant. Die 
Zeitschrift Space News berichtet, dass es den Arbeitern auf der Startplattform 
nicht gelungen ist, die Ursache für das Poltern zu lokalisieren, das bei Tests 
von der Raumfähre ausgegangen war. Wenn das kein gutes Gefühl gibt! STS-57 wird 
das Experimentiermodul Spacehab mitführen und den europäischen Satelliten EURECA 
bergen.

Mir
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Gennadi Manakow und Alexander Polestschuk befinden sich weiterhin an Bord des 
Mir-Komplexes auf einer Umlaufbahn. Sojus TM-16 ist an den axialen Kopplungs-
adapter Kristalls gekoppelt und Progress M-16 ist an den Adapter Kwants ge-
koppelt. Der Start einer neuen Progress-Mission ist für den 18. Mai vorgesehen 
und soll am Bugadapter der Mir festmachen. Entschuldigung für die falsche 
Schreibweise von Polestschuks Namen in den vorhergehenden Ausgaben. Die neue 
Schreibweise entspricht jetzt meinem üblichen Transkriptionsschema.


Starts
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Datum           Name            Trägerrakete    Startgelände   Aufgabe    I.D.

16 Apr 0800?    Kosmos 2242     Zyklon          Plessezk       Funkaufkl.  24A
21 Apr 0030?    Molnija-3       Molnija         Plessezk       Komsat      25A
25 Apr 1244     Alexis          Pegasus         Edwards/NB52   Astronomie  26A
26 Apr 1450     Columbia     )  Shuttle         Kennedy LC39   Raumschiff  27A
                Spacelab D-2 )
27 Apr 1230?    Kosmos 2243     Sojus           Baikonur       Aufklärung  28A
28 Apr 0335?    Kosmos 2244     R-36            Baikonur       Marineaufk. 29A
11 Mai 1450?    Kosmos 2245 )   Zyklon          Plessezk       Komsat      30A
                Kosmos 2246 )                                              30B
                Kosmos 2247 )                                              30C
                Kosmos 2248 )                                              30D
                Kosmos 2249 )                                              30E
                Kosmos 2250 )                                              30F
12 Mai 0056     Astra 1C   )    Ariane 42L      Kourou         Komsat      31A
                Arsene     )                                   Komsat      31B
13 Mai 0007     Navstar GPS 37  Delta 7925      Canaveral      Navsat      32A

Wiedereintritte
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17. Apr.          Discovery       Landung am KSC
29. Apr.          Kosmos 925      Wiedereintritt
 6. Mai           Kosmos 2243     Wiedereintritt
 6. Mai           Columbia        Landung auf AFB Edwards

Sechs kleine Fernmeldesatelliten der Gonez-Klasse, Kosmos 2245 bis Kosmos 2250, 
wurden am 11. Mai auf eine Bahn von 1400 x 1420 km mit einer Neigung von 82,6° 
gestartet. Die Satelliten werden von NPO Prikladnoi Mekhanikoi in Krasnojarsk 
gebaut.

Es wurde gemeldet, dass der Aufklärungssatellit Kosmos 2243 beim Start am 27. 
April durch eine Explosion der Drittstufe Blok-I der Sojus-Trägerrakete gegen 
Ende der Brennphase zerstört wurde. Space Command führt den Wiedereintritt des 
Satelliten (oder dessen Hauptfragments) für den 6. Mai auf.

Der lange verzögerte erste Einsatz der Trägerrakete Ariane in diesem Jahr fand 
am 12. Mai statt. Die Hauptnutzlast war der Fernsehübertragungssatellit Astra 1C 
von SES (Société Européene des Satellites mit Sitz in Luxemburg), der bei 19° O 
über dem Äquator stationiert werden wird. Es ist der fünfte gestartete Satellit 
des Fernmeldesatellitenmodels Hughes HS-601. Zwei der fünf waren bei Fehlstarts 
verloren gegangen. Eine zweite Nutzlast war der Satellit ARSENE, der von der 
französischen Amateurfunkvereinigung RACE (Radio Amateur Club de L'Espace) ge-
baut wurde. Es war der erste Start der Variante Ariane 42L mit zwei flüssig be-
triebenen Starthilfsraketen. Die Basisversion 40 der Ariane 4 hat keine 
Starthilfsraketen und ist zweimal eingesetzt worden. Die 42P (4 Einsätze) und 
44P (2 Einsätze) verfügen über zwei bzw. vier flüssig [sic!] betriebene Start-
hilfsraketen; die 44LP (6 Einsätze) hat zwei flüssige und zwei feste Booster; 
und die 44L (13 Einsätze) hat 4 flüssig betriebene Hilfsraketen. Die Ariane 4 
machte insgesamt 28 Einsätze bei einem Fehlstart. Ihr Hauptrivale, die Delta II, 
hält bei nunmehr 34 erfolgreichen Starts in Folge.

Dieser jüngste Einsatz der Delta II ist auch gleichzeitig der 600. Start einer 
Erststufe des Typs McDonnell Douglas Thor. Die Thor war bei ihrer Einführung 
1957 zunächst eine ballistische Mittelstreckenrakete. Es ist eine der am 
häufigsten verwendeten großen Raketenstufen. Nur die Minuteman (ungefähr 
760 Starts als Erststufe M55A1/M55E1) und die ICBM R-7 von OKB-1 (mindestens 
1490 Starts, wobei beginnend mit suborbitalen Tests vor der Sputnik-Ära 1957 bis 
zum 27. April mit dem Start von Kosmos 2243 ingesamt 1424 Mal eine Nutzlast in 
die Umlaufbahn befördert wurde).

Die Nutzlast der Delta war der Navigationssatellit Rockwell Navstar GPS/SVN 37, 
der über eine Atomuhr verfügt und auf einer hohen Kreisbahn von 20000 km 
operiert. Beim Start des vorhergehenden Navstar, GPS/SVN 31, war eine inte-
ressante Sekundärnutzlast dabei, das Fesselsatellitenexperiment SEDS. Einer der 
mit dem Experiment beschäftigten Wissenschafter, Enrico Lorenzini, gewährte mir 
liebenswürdigerweise Einblicke in die technischen Details der Mission und so 
folgt eine ausführliche Rekapitulation des Fluges. Geäußerte Auffassungen und 
Fehler gehen selbstverständlich auf meine Kappe.

Die Mission SEDS 1
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Mit Verbindungsleinen zwischen Raumfahrzeugen wurde 1966 bei den Missionen 
Gemini XI und XII mit dem Ziel experimentiert, diese irgendwann zur Generierung 
künstlicher Schwerkraft zu verwenden. Zu der Zeit war das wahre Potenzial der 
Verbindungsleinen noch nicht erkannt worden. Neue theoretische Studien führten 
zur Idee, lange Kabel zur Erzeugung von elektrischem Strom, zur Bahnänderung von 
Raumfahrzeugen und Raumsonden und zum Studium der oberen Atmosphäre zu verwen-
den. Beim ehrgeizigen Shuttle-Experiment TSS-1 der italienischen Weltraumagentur 
wurde im August 1992 versucht, eine lange Leine auszurollen. Es gab jedoch Pro-
bleme mit der Abrollvorrichtung und es wurde nur ein Viertelkilometer abgerollt. 
Wenngleich während des Einrollens viel Erfahrung mit Leinendynamik gesammelt 
wurde - in dieser Phase ist die Leine am schlechtesten kontrollierbar - so war 
die Mission dennoch ein Fehlschlag. Die erste vollständig erfolgreiche Fessel-
satellitenmission gab es am 30. März 1993. SEDS (Small Expendable Deployer 
System) bestand aus einem Abrollzylinder von 33 cm Länge und 10 kg Masse sowie 
einem kleinen Satelliten von 23 kg (als "Endmasse") und von ähnlicher Größe. Der 
Satellit wurde an den Zylinder über ein Kabel aus dem Material Spectra-1000 
angebunden, das 0,75 mm Durchmesser hatte und 20 km lang war. Der Zylinder blieb 
fest mit der im Orbit befindlichen zweiten Stufe der Delta-Rakete verbunden. Es 
folgt der detaillierte Missionsablauf.

30. März 1993
Zeit (UTC)
0309   Die Trägerrakete Delta 219 des Baumusters Delta 7925 hob vom Komplex 17A 
       in Cape Canaveral ab. Die 9 Feststoffbooster des Typs Hercules GEM und 
       die flüssig betriebene Thor mit verlängertem Tank beförderten die erste 
       Stufe der Delta auf eine suborbitale Flugbahn.
0314?  Die Delta zündete ihr einzelnes Triebwerk des Typs Aerojet AJ10-118K ein 
       erstes Mal.
0320?  Das Haupttriebwerk der Delta schaltete ab. Das Raumfahrzeug schwenkte auf 
       eine 34,0° gegen den Äquator geneigte Bahn von 184 x 746 km ein.
0321?  Die Hauptnutzlast der Delta trennte sich ab: Es war dies eine Feststoff-
       rakete PAM-D mit dem Navigationssatelliten Navstar-GPS 31.
0330?  Die PAM-D zündete und platzierte sich und GPS 31 auf einer elliptischen 
       Bahn von 150 x 20415 km mit 34,8° Inklination. GPS 31 würde später seinen 
       internen Feststoffmotor Star 37 zünden, um auf einer Kreisbahn von 
       20000 km zu enden.
0412   Die Delta 219 erreichte das erste Apogäum in 746 km Höhe. Die Endmasse 
       von SEDS-1 wurde vom Abrollzylinder freigegeben und begann sich in 
       Richtung Erde abzuwickeln.
0527   Die Endmasse von SEDS-1 war jetzt 20 km unterhalb der Delta 219 - am Ende 
       ihres Kabels (das Wortspiel ist beabsichtigt). Die Endmasse konnte wie 
       ein sehr großes Pendel frei am Kabel hin- und herschwingen, was das 
       Studium der Dynamik erlaubte.
0541   Ein Messer an der Kabelrolle an Bord der Delta 219 durchschnitt das Kabel 
       während des zweiten Apogäumsdurchgangs. Die Endmasse befand sich damit 
       auf einer freien Bahn in einer Höhe von 726 km. Das Kabel hatte sich 
       aufgeschwungen und die rückwärtige Schwingbewegung beim Abtrennen führte 
       zu einer neuen Umlaufbahn von -50 x 726 km x 34,0°. Das Perigäum lag also 
       50 km unterhalb der Erdoberfläche.
0612   Die Delta 219 zündete erneut ihr Haupttriebwerk, um überschüssigen 
       Treibstoff zu verbrauchen. Frühere Deltas waren wegen Resttreibstoffs im 
       Orbit explodierten. Daher wurde dieses Manöver zur Vermeidung von 
       Weltraumschrott eingeführt. Die Delta endete auf einer Bahn von
       305 x 1300 km x 36,2°.
0616   Die Endmasse von SEDS folgte ihrer orbitalen Flugbahn, die sich 100 km 
       über dem Pazifischen Ozean südlich von Baja California mit der Atmosphäre 
       schnitt. Die Endmasse und das daran verbundene Kabel verbrannten beim 
       Wiedereintritt, und die Mission SEDS 1 endete.

Das SEDS-System wurde von NASA-Marshall, dem Harvard-Smithsonian-Zentrum für 
Astrophysik und Tether Applications in San Diego, Kalifornien, entwickelt und 
gebaut. Die Endmasse wurde von NASA-Langley hergestellt. Eine zweite SEDS-
Mission diesen Sommer wird die elektromagnetischen Eigenschaften von Weltraum-
leinen studieren.

Gegenwärtiger Status der Raumfähren
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Orbiter                Standort       Mission

OV-102 Columbia        OPF Bucht 2    STS-58
OV-103 Discovery       VAB Bucht 3    STS-51
OV-104 Atlantis        Palmdale       OMDP
OV-105 Endeavour       LC39B          STS-57

ML/SRB/ET/Konfiguration 

ML1/
ML2/STS-57/ET/OV-105   LC39B
ML3/

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 |  Jonathan McDowell                 |  phone : (617) 495-7176                |
 |  Harvard-Smithsonian Center for    |                                        |
 |   Astrophysics                     |                                        |
 |  60 Garden St, MS4                 |                                        |
 |  Cambridge MA 02138                |  inter : jcm@urania.harvard.edu        |
 |  USA                               |                                        |
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