Ausgabe 414

Jonathan's Space Report                 Deutsche Übersetzung von Markus Dolensky
Nr. 414                                         12. Dezember 1999, Cambridge, MA
--------------------------------------------------------------------------------

Der Satellit XMM der Europäischen Weltraumagentur ist im Orbit. Die vierte 
Ariane 5 hob planmäßig am 10. Dezember 1432 UTC von Kourou (zu ihrem ersten 
kommerziellen Flug) ab. Da die anfängliche Version der Oberstufe EPS der 
Ariane 5 nur einmal gezündet werden kann, folgte Mission 504 einem ungewöhnli-
chen direkten Aufstiegsprofil auf eine hochelliptische Umlaufbahn. Die Haupt-
stufe EPC trennte sich um 1442 UTC auf einer hochenergetischen suborbitalen 
Flugbahn mit einer Geschwindigkeit von rund 7,8 km/s ab und ging in der Nähe der 
Galapagos-Inseln nieder (das Apogäum ist mir nicht bekannt). Die Oberstufe EPS 
zündete zu einem langen 16-minütigen Manöver, bei dem sie auf über 9 km/s in 
1880 km Höhe beschleunigte. XMM trennte sich um 1501 UTC von der EPS-Oberstufe 
und befindet sich auf einer Transferbahn von 838 x 112473 km x 40,0°, die der 
geplanten sehr nahe kommt. Das erste Apogäumsmanöver wird am 11. Dezember statt-
finden. Space Command hat das Raumfahrzeug als 1999-66A katalogisiert. (Aller-
dings wird es in der Auflistung MMX genannt!)

Diese Mission, Ariane 504 oder Flug V119, war der zweite erfolgreiche Flug der 
der Ariane 5, die eine völlig neue Trägerrakete ist (die Ariane 4 ist im Grunde 
eine verbesserte Version der Ariane 1, 2 und 3). Der Erstflug der Ariane 5 en-
dete katastrophal, wobei die Wissenschaftsnutzlast Cluster in die Mangroven-
sümpfe nahe der Startrampe stürzte. Beim zweiten Start trat ein verhältnismäßig 
kleines Rollproblem auf, sodass die experimentelle Nutzlast auf eine Bahn kam, 
die Tausende Kilometer niedriger als geplant war. Beim dritten Flug wurde die 
Kapsel ARD auf ihre geplante suborbitale Flugbahn gebracht und eine Satelliten-
attrappe auf einer geostationären Transferbahn ausgesetzt. Die ersten beiden 
Testmissionen wurden unter der Schirmherrschaft der Europäischen Weltraumagentur 
(ESA) durchgeführt. Die Ariane 503 gehörte dem kommerziellen Startdienstleister 
Arianespace und wurde auch von diesem gestartet. Es war jedoch ein Testflug, 
während XMM die erste kommerzielle Buchung für die Ariane 5 darstellte, auch 
wenn der Kunde die ESA war. Der Erfolg des Fluges V119 steigert das Vertrauen 
darauf, dass die frühen Probleme der Trägerrakete der Vergangenheit angehören. 
Im Jahre 2000 sollte die Zahl kommerzieller geostationärer Fernmeldesatelliten-
starts der Ariane 5 nach oben gehen.

Die Ariane 5 setzt sich aus zwei Feststoffboostern EAP (Étage d'Accélération à 
Poudre), der Hauptstufe EPC (Étage Principal Cryogénique) mit dem hochenergeti-
schen LH2/LOX-Triebwerk Vulcain von Snecma mit 1145 kN Schub und der Oberstufe 
EPS (Étage à Propergols Stockables) mit dem Triebwerk Aestus zusammen, das Hy-
drazin und Stickstofftetroxid verbrennt und 29 kN Schub liefert. Die große Na-
senverkleidung deckt die EPS und die Nutzlast ab. Die einzigen anderen Trägerra-
keten mit einer durch flüssigen Wasserstoff betriebenen Erststufe sind der 
Shuttle und die japanische H-2.

Das von DaimlerChrysler Dornier Satellitensystem gebaute große Röntgenobservato-
rium XMM (X-ray Multi-Mirror Mission) ergänzt NASAs Röntgenobservatorium 
Chandra. XMM hat die größere Sammelfläche aber das geringere räumliche Auflö-
sungsvermögen, sodass es sich besser zur Gewinnung von detaillierten Spektren 
von hellen und mäßig schwachen Röntgenquellen eignet, während Chandra zum Auf-
spüren der schwächsten Röntgenquellen und zum Unterscheiden von spektralen De-
tails in verschiedenen Bereichen einer Strahlungsquelle besser geeignet ist (zum 
Beispiel beim Unterscheiden eines Pulsars von einem Supernovaüberrest oder eines 
Quasars von einem Galaxienhaufen). Die Behauptung auf der ESA-Webseite, dass XMM 
"unendlich mehr sieht, als irgendein vorhergehender Röntgensatellit" 
(http://www.estec.esa.nl/spdwww/xmm/factsheet.html) ist eine peinlich lächerli-
che Falschaussage, aber XMM wird zweifellos viele wichtige Entdeckungen machen 
und eine der wichtigsten Raumforschungsmissionen des kommenden Jahrzehnts sein.

XMM verfügt über drei gleichartige Röntgenteleskope. Eines der Teleskope bildet 
direkt auf die CCD-Kamera Epic-pn ab. Die anderen beiden sind mit Reflection 
Grating Spectrometers (RGS) ausgestattet, die das Licht aufspalten und zu den 
EPIC-MOS-Kameras weiterleiten bzw. aufgefächerte Spektren zu den RFC-MOS-Kameras 
schicken. XMM ist zudem mit einem optisch/ultravioletten Teleskop mit 0,30 Meter 
Blendenöffnung versehen, dem optischen Monitor, der simultane Messungen des 
optischen sowie des UV-Lichts einer Quelle erlaubt, auf die die Röntgenteleskope 
gerichtet sind.

Das Hydrazin-Antriebssystem von XMM hat acht Düsen zu je 22 N, mit deren Hilfe 
das Perigäum auf rund 7000 km angehoben werden wird. Die Leermasse XMMs beträgt 
3234 kg und es ist beim Start mit 530 kg des Treibstoffs Hydrazin betankt. Das 
Raumfahrzeug XMM wird von ESOC in Darmstadt gesteuert, wobei die Instrumente von 
der Station VILSPA in Madrid kontrolliert werden. Die Instrumente werden nicht 
vor dem nächsten Jahr aktiviert werden, wenn XMM auf seiner endgültigen Bahn 
sein wird und VILSPA betriebsbereit ist. Es wird also noch eine Weile dauern, 
bevor wir wissen, ob das Teleskop gut funktioniert. Die Röntgengruppe der Uni-
versität Leicester unterstützt die wissenschaftliche Analyse der Daten XMMs. 
Europa hat eine lange Geschichte in der Röntgenastronomie. Dazu zählen die bri-
tischen Arbeitsgruppen in Leicester und am Mullard Space Science Lab, die schon 
früh Höhenforschungsraketen sowie in den siebziger Jahren den Satelliten Ariel-5 
starteten. Weitere starke Gruppen sind in Birmingham (TTM/Kvant), Utrecht und 
die ESA-Mannschaft in ESTEC in Holland, die deutschen Gruppen am MPE in Garching 
(ROSAT) und jetzt am AIP in Potsdam und einige Institute (Mailand, Bologna, 
Palermo, Rom) in Italien (BeppoSAX). Des weiteren gibt es eine Reihe von Orten, 
an denen zwar keine Geräte konstruiert wird, die aber kompetent bei der Daten-
analyse und in der Theorie sind, wie z. B. das Team Andy Fabians in Cambridge. 
Wir wollen die Dänen und Toulouse und Southampton nicht vergessen. Wer auch 
immer in der Aufzählung vergessen wurde, wird es mir sicher in unmissverständ-
licher Weise wissen lassen. Der eigentliche Punkt ist, dass, Europa zwar in 
vielen Bereichen der Weltraumforschung nach den USA nur eine untergeordnete 
Rolle spielt, in der Röntgenastronomie aber sind sie meiner Meinung nach ein 
gleichrangiger Partner.


Brasilien musste ein weiteres Unglück hinnehmen, als am 11. Dezember der zweite 
Start seiner Rakete VLS-1 dasselbe Schicksal ereilte wie der Erste. Drei Minuten 
nach dem Abheben zündete die zweite Stufe nicht und die Trägerrakete kam vom 
Kurs ab. Sie wurde per Fernzündung zerstört. Bei der vorhergehenden Mission 
hatten die Starthilfsraketen der Erststufe versagt. Immerhin konnte das 
brasilianische Team bei diesem Flug die erste Stufe erfolgreich testen. Bei der 
Mission V02 der VLS-1 war der Forschungssatellit SACI-2 an Bord.

Ein Wettersatellit der US-Luftwaffe (Defense Meteorological Satellite Program, 
DMSP) wurde am 12. Dezember von Vandenberg gestartet. Die erste Einheit des 
Modells Block 5D-3, der Satellit F-15, wurde von einer zweistufigen Titan 23G, 
das ist eine überholte Interkontinentalrakete Titan II, auf eine suborbitale 
Flugbahn befördert. Für den Bahneinschuss zündete 13 Minuten nach dem Start die 
Kickstufe des Satelliten Star 37S. DMSP 5D F-15 befindet sich jetzt auf einer 
Umlaufbahn von 837 x 851 km x 98,9°. Das von Lockheed Martin in Valley Forge 
gefertigte Raumfahrzeug ist eine ähnliche Konstruktion wie der zivile Wettersa-
tellit der NOAA.

Die Mission der Pegasus für Orbcomm begann am 3. Dezember 1756 UTC mit dem Start 
von Rollbahn 22 in Wallops und dem Abwurf um 1853 UTC. Danke für die Info an 
Justin Ray von www.spaceflightnow.com (einer ausgezeichneten Webseite). Anschei-
nend sind die neuen Satelliten Orbcomms etwas massiver als die früheren - ver-
mutlich haben sie rund 45 kg.

Die dienstältesten Raumfahrzeuge - Errata
-----------------------------------------

Pionier 11 gehört nicht auf die Liste, weil die Sonde seit 1995 stumm ist. 
Nozomi war hingegen fälschlicherweise ausgelassen. Mir wurde mitgeteilt, dass 
TVSAT 2 am 5. Oktober 1999 abgeschaltet wurde und dass NOAA 10 (und möglicher-
weise NOAA 9) noch aktiv ist. Danke an alle, die die Fehler meldeten. 

Bei dem überlebenden Marisat handelt es sich um den im Oktober 1976 gestarteten 
Marisat 102 von Comsat General Corp. und nicht INMARSAT (INMARSAT hatte ledig-
lich zeitweise C- und L-Bandkapazitäten gemietet). Es ist der älteste kommer-
zielle Satellit, der noch in Betrieb ist. Es handelt sich um einen Hughes HS-356 
(im Wesentlichen ist es die gleiche Konstruktion wie der HS-333 bei Anik A und 
Westar).
  
Die Satelliten IMP 8 und LES-9 sollen immer noch funktionieren und es gibt Mel-
dungen, wonach der 1964 gestartete Navigationssatellit O-2 der Marine (manchmal 
fälschlicherweise als Transit 5B-5 bezeichnet) noch sendet. Einige Raumfahrzeuge 
wie Giotto gelten als einsatzfähig, sind aber derzeit deaktiviert.


Tabelle kürzlich erfolgter Starts
---------------------------------

Datum  UT     Name              Trägerrakete   Startgelände     Aufgabe   I.D.

13 Nov 2255   GE 4              Ariane 44LP    Kourou ELA2      Komsat     60A
15 Nov 0729   MTSAT             H-2            Tanegashima      Komsat     F04
19 Nov 2230   Shenzhou          Chang Zheng 2F Jiuquan          Raumschiff 61A
22 Nov 1620   Globalstar 29 )   Sojus-Ikar     Baikonur LC1     Komsat     62A
              Globalstar 34 )                                   Komsat     62B
              Globalstar 39 )                                   Komsat     62C
              Globalstar 61 )                                   Komsat     62D
23 Nov 0406   UHF F/O F10       Atlas 2A       Canaveral SLC36B Komsat     63A
 3 Dez 1622   Helios 1B  )      Ariane 40      Kourou ELA2      Erdbeob.   64A
              Clementine )                                      Funkaufkl. 64B
 3 Dez 1951   Mars Polar Lander               MPL-Transferstufe Lander     01D?
 3 Dez 1951   Sonde Scott)                    MPL-Transferstufe Lander     01E?  
              Sonde Amundsen)                                   Lander     01F?
 4 Dez 1853   Orbcomm FM30 )    Pegasus XL/HAPS Wallops         Komsat     65A
              Orbcomm FM31 )                                    Komsat     65B
              Orbcomm FM32 )                                    Komsat     65C
              Orbcomm FM33 )                                    Komsat     65D
              Orbcomm FM34 )                                    Komsat     65E
              Orbcomm FM35 )                                    Komsat     65F
              Orbcomm FM36 )                                    Komsat     65G
10 Dez 1432   XMM               Ariane 5       Kourou ELA3      Astronomie 66A
11 Dez 1830   SACI-2            VLS            Alcantara        Forschung  F05
12 Dez 1738   DMSP 5D-3 F-15    Titan 23G      Vandenberg SLC4W Wetter     67A

Gegenwärtiger Status der Raumfähren
___________________________________

Orbiter                Standort      Mission              Startdatum

OV-102 Columbia        Palmdale      OMDP
OV-103 Discovery       LC39B         STS-103, HST SM-3A   11. Dez. 1999
OV-104 Atlantis        OPF Bucht 3   STS-101, ISS         16. März 2000
OV-105 Endeavour       VAB Bucht 1   STS-99,  SRTM        13. Jan. 2000

MLP1/
MLP2/RSRM-73/ET-101/OV-103     LC39B
MLP3/RSRM-71?/ET?/OV-105       VAB Bucht 1

.-------------------------------------------------------------------------.
|  Jonathan McDowell                 |  phone : (617) 495-7176            |
|  Harvard-Smithsonian Center for    |                                    |
|   Astrophysics                     |                                    |
|  60 Garden St, MS6                 |                                    |
|  Cambridge MA 02138                |  inter : jcm@cfa.harvard.edu       |
|  USA                               |          jmcdowell@cfa.harvard.edu |
|                                                                         |
| JSR: http://hea-www.harvard.edu/~jcm/space/jsr/jsr.html                 |
| Back issues:  http://hea-www.harvard.edu/~jcm/space/jsr/back            |
| Subscribe/unsub: mail majordomo@head-cfa.harvard.edu, (un)subscribe jsr |
'-------------------------------------------------------------------------'