Ausgabe 418

Jonathan's Space Report                 Deutsche Übersetzung von Markus Dolensky
Nr. 418                                           19. Januar 2000, Cambridge, MA
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Nachruf
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Am 18. Januar verschied in Cornwall unerwartet der weltbekannte Begründer der 
Kettering-Gruppe, Geoff Perry, im Alter von 72 Jahren. Geoff, der früher Physik-
lehrer an der Mittelschule Kettering war, leitete seine Schüler an, Kurzwel-
lenfunksignale sowjetischer Satelliten aufzuspüren und baute schließlich ein 
weltweites Netzwerk von Fachleuten auf, die herausfanden, was beim sowjetischen 
Weltraumprogramm vorging. Er und sein Team erlangten 1966 durch ihre unabhängige 
Entdeckung des Startplatzes Plessezk allgemeine Bekanntheit. Es ist schön, dass 
Geoff die Aufhebung der Geheimhaltung der ehemaligen sowjetischen Missionen noch 
miterleben konnte und sah, dass die neuen Erkenntnisse weitgehend mit den Ergeb-
nissen seiner eigenen detektivischen Arbeit übereinstimmten. Wir werden seine 
Einsichten und sein umfangreiches Wissen vermissen.

Errata
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Einige Fehler: Glücklicherweise wurden beim Unfall im Dezember in Plessezk weder 
die Trägerrakete Rokot noch die Nutzlast beschädigt. Es muss lediglich die abge-
worfene Nasenverkleidung abgeschrieben werden. Folglich kann Chrunitschew die 
Rakete höchstwahrscheinlich diesen Frühling starten. Der neue Plan sieht jedoch 
zwei Satellitenattrappen als Nutzlast vor und es soll die verstärkte Oberstufe 
Bris-KM zum Einsatz kommen (siehe unten).

Im JSR 417 war KOMPSAT fälschlicherweise als ein Projekt von KAIST (Korea Adv. 
Inst. of Space Tech.) verzeichnet - im JSR 416 war er richtigerweise als eine 
Mission KARIs (Korea Aerospace Research Inst.) beschrieben. KARI in Taejon star-
tet auch Koreas Höhenforschungsraketen und wird die koreanische Satellitenträ-
gerrakete entwickeln.

Galileo
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Galileo schloss am 3. Januar den Vorbeiflug Europa-26 sicher ab. Am 3. Januar 
1800 UTC passierte Galileo Europa in 343 km Abstand. Am 4. Januar 0333 überflog 
sie Jupiters Wolkenobergrenze in 343000 km Höhe. Am 4. Januar 0656 passierte sie 
Io in 214000 km Entfernung. Die am 31. Januar auslaufende Mission Galileo-Europa 
soll von der Millenniumsmission Galileos gefolgt werden, die wahrscheinlich in 
den kommenden Wochen genehmigt werden wird.

Rokot
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Als Buße für die Verbreitung des falschen Gerüchts über die Rokot und da es 
diese Woche keine Starts gab, werde ich die Trägerrakete Rokot etwas näher vor-
stellen.

Die erste ICBM des Konstruktionsbüros Tschelomei (dem Vorgängerunternehmen 
Chrunitschews) war die Rakete UR-100 (Index 8K84), die am 19. April 1965 erst-
mals erprobt wurde. Die Reihe universeller Raketen (UR) umfasste auch die grö-
ßere UR-200, die 1963 getestet aber deren Entwicklung dann eingestellt worden 
war und die UR-500, der heutigen Trägerrakete Proton. Die UR-100 hatte einen 
Durchmesser von 1,6 m. Ihr größerer Ersatz UR-100N (Index 15A30) hatte 2,5 m 
Durchmesser, passte aber in den gleichen Silo. Der erste Testflug der UR-100N 
erfolgte am 9. April 1973 (manche Quellen geben 1972 an). Im Zuge der allgemei-
nen Modernisierung des sowjetischen Raketenarsenals begann am 26. Oktober 1977 
die Flugerprobung der Version UR-100NUTTKh (die Abkürzung UTTKh steht für "tak-
tisch-technische Verbesserung"). Die Raketen des Typs UR-100N und UR-100NUTTKh 
wurden bislang ungefähr 145-mal eingesetzt, wobei es nur drei Fehlschläge gab. 
Sie ist unter der NATO-Bezeichnung SS-19 bekannt (die ursprüngliche UR-100 war 
die SS-11).

Die mit Hydrazin und Stickstofftetroxid betriebene UR-100NUTTKh besteht aus zwei 
Hauptstufen und einer Busstufe, die allesamt Triebwerke von KB Chimawtomatiki 
verwenden; vier RD-0233 in Stufe 1, ein RD-0235 (sowie vier kleinere Verniers 
RD-0236) in Stufe 2 und ein RD-0237 in der Busstufe.

Die Trägerrakete Rokot basiert auf überholten Einheiten der UR-100NUTTKh mit 
einer Bris-Oberstufe, die die Busstufe ersetzt. Rokot (was soviel wie "Getöse" 
bedeutet) wird im Westen von EUROCKOT Launch Services vermarktet, einem Joint 
Venture von DaimlerChrysler Aerospace und Chrunitschew. (Sie fügten ein "c" in 
"Rockot" ein, vermutlich damit es dem englischen "Rocket" ähnlicher klingt.) Die 
ursprüngliche 14S12 Bris-K hat eine konische Form, die möglicherweise den Maßen 
der alten Busstufe entspricht. Sie setzt das Triebwerk KB-Chimmasch S5.92 ein, 
das in der ADU-Stufe der Raumsonden Fobos benutzt wurde und das auch bei der 
neuen Oberstufe Fregat von Lawotschkin eingesetzt werden wird. Das S5.92 hat 
einen Schub von 20 kN. Bei zukünftigen Starts der Rokot wird die 14S45 Bris-KM 
zum Einsatz kommen, die eine umgemodelte zylinderförmige Bris-K mit einem größe-
ren Nutzlastadapter ist und eine größere Nasenverkleidung aufweist. Des weiteren 
wurde eine 14S43 Bris-M entwickelt, die aus einer Bris-KM mit einem zusätzlichen 
torusförmigen Kraftstofftank besteht. Eine erste Gelegenheit für einen Testflug 
als Oberstufe der Proton blieb jedoch versagt, als das Trägerfahrzeug Proton im 
letzten Sommer abstürzte.

Es gab bisher drei Testflüge der Rokot. Die ersten beiden waren als suborbitale 
Flüge geplant, von denen wenige Details bekannt sind. Das Apogäum betrug etwa 
900 km und die Bris-Stufe wurde mehrmals gezündet, wobei nicht klar ist, welche 
Höchstgeschwindigkeit erreicht wurde und somit wie viel auf einen Bahneinschuss 
gefehlt hat. Der dritte Test war ein Satellitenstart, bei dem ein kleiner Test-
satellit mit 70 kg (Radio-ROSTO) auf eine Umlaufbahn von 1881 x 2163 km x 65° 
befördert wurde. Die Bris-Stufe zerlegte sich einige Stunden später und gene-
rierte einige Dutzend Teile katalogisierten Weltraumschrotts. Das Problem dürfte 
bei der neuen Bris-KM ausgebessert worden sein, wahrscheinlich durch einen Ent-
leerungsbrand.

Meines Wissens fanden alle bisherigen Starts der UR-100 und UR-100N vom Welt-
raumbahnhof Baikonur aus statt. Der bevorstehende Testflug der Rokot wird von 
Komplex 133 in Plessezk erfolgen. Dort hat Chrunitschew eine alte Kosmos-Start-
rampe übernommen. Beim ersten Testflug von der Startanlage soll ein Paar Satel-
litenattrappen befördert werden. Space.com meldet, dass es sich um Attrappen von 
Iridium-Satelliten handelt, denn das bankrotte Unternehmen Iridium hat noch 
immer eine Buchung für den ersten kommerziellen Start der Rokot, der im Laufe 
dieses Jahres erfolgen soll. (Ein ähnliches Paar Iridium-Nutzlastattrappen war 
beim Erstflug der chinesischen CZ-2C/SD dabei.)

Die zweite Stufe der UR-100NUTTKh bringt das Nutzlastgespann auf eine suborbi-
tale Flugbahn von -2727 x 256 km. Mit dem ersten Schubmanöver der Bris-KM fünf 
Minuten nach dem Abheben wird eine Transferbahn von 200 x 700 km erreicht wer-
den. Die zweite Zündung der Bris im Apogäum 64 Minuten nach dem Start wird diese 
in eine Kreisbahn wandeln.


Tabelle kürzlich erfolgter Starts
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Datum  UT     Name             Trägerrakete   Startgelände      Aufgabe   I.D.

 3 Dez 1623   Helios 1B  )     Ariane 40      Kourou ELA2       Erdbeob.   64A
              Clementine )                                      Funkaufkl. 64B
 3 Dez 1951   Mars Polar Lander               MPL-Transferstufe Lander     01D?
 3 Dez 1951   Sonde Scott)                    MPL-Transferstufe Lander     01E?
              Sonde Amundsen)                                   Lander     01F?
 4 Dez 1853   Orbcomm FM30 )   Pegasus XL/HAPS Wallops          Komsat     65A
              Orbcomm FM31 )                                    Komsat     65B
              Orbcomm FM32 )                                    Komsat     65C
              Orbcomm FM33 )                                    Komsat     65D
              Orbcomm FM34 )                                    Komsat     65E
              Orbcomm FM35 )                                    Komsat     65F
              Orbcomm FM36 )                                    Komsat     65G
10 Dez 1432   XMM              Ariane 5       Kourou ELA3       Astronomie 66A
11 Dez 1940   SACI-2           VLS            Alcantara         Forschung  F05
12 Dez 1738   DMSP 5D-3 F-15   Titan 23G      Vandenberg SLC4W  Wetter     67A
18 Dez 1857   Terra            Atlas 2AS      Vandenberg SLC3E  Fernerkun. 68A
20 Dez 0050   Discovery        Space Shuttle  Kennedy LC39B     Raumschiff 69A
21 Dez 0712   KOMPSAT    )     Taurus         Vandenberg 576E   Erdbeob.   70A
              ACRIMSAT   )                                      Forschung  70B
              Celestis-03)                                      Bestattung 70C
22 Dez 0050   Galaxy 11        Ariane 44L     Kourou ELA2       Komsat     71A
26 Dez 0800   Kosmos 2367      Zyklon-2       Baikonur LC90     Aufklärung 72A
27 Dez 1913   Kosmos 2368      Molnija-M      Plessezk LC16     Frühwarn.  73A

Gegenwärtiger Status der Raumfähren
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Orbiter                Standort      Mission              Startdatum

OV-102 Columbia        Palmdale      OMDP
OV-103 Discovery       OPF Bucht 1   STS-92,  ISS 3A          Juni 2000?
OV-104 Atlantis        OPF Bucht 3   STS-101, ISS 2A.2a   16. März 2000
OV-105 Endeavour       LC39A         STS-99,  SRTM        31. Jan. 2000?

MLP1/
MLP2/                          LC39B
MLP3/RSRM-71/ET-92/OV-105      LC39A

.-------------------------------------------------------------------------.
|  Jonathan McDowell                 |  phone : (617) 495-7176            |
|  Harvard-Smithsonian Center for    |                                    |
|   Astrophysics                     |                                    |
|  60 Garden St, MS6                 |                                    |
|  Cambridge MA 02138                |  inter : jcm@cfa.harvard.edu       |
|  USA                               |          jmcdowell@cfa.harvard.edu |
|                                                                         |
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