Ausgabe 428

Jonathan's Space Report                 Deutsche Übersetzung von Markus Dolensky
Nr. 428                                             10. Juni 2000, Cambridge, MA
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Anmerkung: Meine Liste geostationärer Satelliten sowie das globale Startregister 
auf http://hea-www.harvard.edu/~jcm/space/log wurden aktualisiert.
[Anm. d. Übers.: Webadresse ab Aug. 2003 http://www.planet4589.org/space/]

Shuttle und Raumstationen
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Die ISS (Internationale Raumstation) arbeitet im Automatikbetrieb auf einer 
Umlaufbahn von 369 x 378 km x 51,6°. Der Verbund PMA-2/Unity/PMA-1/Sarja erwar-
tet den Start des Swesda-Moduls im kommenden Monat. Swesda wird an die Heck-
schleuse Sarjas ankoppeln.

Die Besatzung EO-28 der Mir, Sergej Saljotin und Alexander Kaleri, betreibt 
weiterhin den Mir-Komplex auf einem Orbit von 360 x 378 km x 51,6°. Die Bahn-
ebene Mirs ist momentan rund 120° gegen jene der ISS gedreht. Sojus TM-30 und 
Progress M1-2 sind an der Station festgemacht. Die Mannschaft EO-28 soll am 16. 
Juni mit Sojus TM-30 zur Erde zurückzukehren.

Alle anstehenden Raumtransportermissionen hängen vom Start Swesdas ab. Wenn 
alles gut geht, wird STS-106/Atlantis die Nutzlast ISS-2A.2b bestehend aus dem 
Spacehab-Doppelmodul und dem integrierten Frachtträger anliefern. 
STS-92/Discovery wird die Nutzlast ISS-3A mit dem Raumstationsausleger (ITS) Z1, 
dem Kopplungsadapter PMA-3 und einer Spacelab-Palette samt den Trägheitskreiseln 
hinaufbefördern. STS-97/Endeavour wird den Ausleger ITS P6 und Solarflügel 
transportieren.

Aktuelle Starts
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Gorisont Nr. 45L war Nutzlast des ersten erfolgreichen Starts der Proton/Bris-M 
am 6. Juni. Die dreistufige Proton-K setzte bei diesem suborbitalen Testflug 
erstmals verbesserte Triebwerke ein, wie sie zum Start des Raumstationsmoduls 
Swesda benötigt werden. 9 Minuten nach dem Abheben trennte sie sich vom 
Nutzlastverbund mit der neuen Stufe des Baumusters 14S43 Bris-M. Frühere 
4-stufige Proton-Raketen nutzten Varianten der Stufe Energia Blok-DM. Die neue 
Stufe wird von Chrunitschew gebaut, die auch die eigentliche Proton-K fertigt. 
Die Proton/Bris-M hatte bei ihrem Erstflug vergangenes Jahr kurz nach dem Start 
versagt, noch bevor die Bris-M gezündet werden konnte. 

Die Zündung der Bris-M erfolgte vermutlich etwa 12 Minuten nach dem Start und 
nach einer kurzen antriebslosen Phase. Ein erstes 5-minütiges Schubmanöver be-
förderte Bris-M/Gorisont auf eine 200-km-Parkbahn, die wahrscheinlich um circa 
51,6 Grad geneigt war. Eine Stunde später hob die zweite Zündung der Bris-M das 
Apogäum auf 6000 km. Dabei wurde möglicherweise auch die Inklination leicht 
geändert. Beim zweiten Perigäumsdurchgang rund 4 h nach dem Start brachte das 
dritte Schubmanöver der Bris-M das Gespann auf eine Transferbahn von 369 x 34988 
km x 48,8°. Die Bris-M warf daraufhin ihren leeren torusförmigen Zusatztank ab 
und näherte sich in einer Freiflugphase dem Apogäum. Ungefähr 10 Stunden nach 
dem Start wurde Gorisont Nr. 45L mit einem vierten Manöver der Bris-M auf einer 
beinahe geostationären Bahn platziert. US Space Command registrierte zwar den 
Torustank, aber weder die Bris-M noch Gorisont wurden bislang katalogisiert.

Die Nutzlast, Gorisont ("Horizont") Nr. 45L, dürfte das letzte Exemplar dieses 
Modells von Fernsehübertragungssatelliten sein. Er ist mit 6 C-Band-Transpondern 
sowie je einem Transponder für das L- und das Ku-Band versehen. Der vorher-
gehende Gorisont war 1996 gestartet worden. Die neuen Express-Satelliten er-
setzen das System. Die Satelliten werden von NPO Prikladnoj Mechaniki in 
Schelesnoworsk für den russischen Fernmeldesatellitenbetreiber GP 
Kosmitscheskaja Swjas gebaut.

Orbital Sciences startete am 7. Juni seine erste Pegasus in diesem Jahr. Das 
Trägerflugzeug L-1011 Stargazer OCA hob am 7. Juni 1221 UTC von Rollbahn 30/12 
in Vandenberg ab und flog zur Abwurfzone bei 36,0° N 123,0° W über dem Pazifik. 
Die L-1011 klinkte die Rakete des Typs Pegasus-XL um 1319 UTC ab und fünf Sekun-
den später zündete die erste, geflügelte, Stufe. Die dritte Stufe trennte sich 
um 1334 UTC auf einer Umlaufbahn von 403 x 1704 km x 69,0° von der Nutzlast 
TSX-5.

TSX-5 ist der fünfte in der Satellitenserie STEP (Space Test Experiments Pro-
gram). Der Name wurde in TSX (Tri-Service Experiments) abgeändert, womöglich um 
den Bann zu brechen, der zu drei Fehlschlägen bei den ersten fünf Missionen 
geführt hatte.

Die STEP-Satelliten verwenden den Satellitenbus Orbital LEOStar, der von 
DSI/McLean und TRW/Chantilly entwickelt wurde, die beide inzwischen Teil von 
Orbital sind. Die Satelliten M1 und M4 waren mit einem optionalen Hydrazin-An-
triebsmodul ausgerüstet. STEP M2 gelangte nach einem Problem mit der Viertstufe 
auf eine niedrigere als die geplante Umlaufbahn. M1 und M3 erreichten gar keinen 
Orbit. Die Solarpaneele von M4 konnten nicht ausgefahren werden.

 Mission   Hauptexp.  STP-Name  Startdatum      Lebensdauer
 STEP M0   TAOS       P90-5     13. März 1994   >5 Jahre
 STEP M2   SIDEX      P91-2     19. Mai  1994   3 Jahre?
 STEP M1   -          P90-1     27. Juni 1994   0
 STEP M3   -          P92-2     22. Juni 1995   0
 STEP M4   -          P95-1     22. Okt. 1997   0
 TSX 5     STRV-2     P95-2      7. Juni 2000   in Betrieb

Das Experimentalmodul STRV-2 bildet die Hauptsektion von TSX-5. Es wurde von der 
ballistischen Raketenabwehrorganisation gemeinsam mit dem Forschungszweig des 
britischen Verteidigungsministeriums DERA in Farnborough beigesteuert, um Infra-
rotsensoren und eine Laserkommunikationsnutzlast zu testen. STRV-2 wird versu-
chen, im Perigäum Infrarotbilder von britischen Militärflugzeugen aufzunehmen 
und dann mittels Laser zum Boden zu übertragen. Die Mission wird von der Luft-
waffenbasis Kirtland, Neumexiko gesteuert. STRV-2 weist zudem Sensoren zur Mes-
sung von Vibrationen und der Erschütterung durch Kleinteilchen des Weltraum-
schrotts auf. Er ist ein Nachfolger des Mikrosatelliten STRV-1, welcher im Juni 
1994 als Sekundärnutzlast mit einer Ariane gestartet worden war.

Eine zweite Nutzlast auf TSX-5 ist das Gerät S97-1 CEASE. Der Sensor wurde vom 
US-Luftwaffenlabor AFRL entwickelt und ist der Prototyp eines Sensorpakets, das 
zur Warnung vor elektrischer Aufladung und Strahlung in Flugzeugen dienen soll.

Gammastrahlenobservatorium Compton
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Das Gammastrahlenobservatorium Compton (GRO) wurde zerstört. Die NASA entschied 
sich aus Sorge darüber, dass das Versagen eines weiteren Gyroskops einen kon-
trollierten Wiedereintritt schwierig machen könnte, die Mission zu beenden. 
Anfang Mai befand sich GRO auf seiner operationellen Umlaufbahn von 482 x 487 km 
x 28,5° (die letzte Bahnanhebung war im April 1997). Das erste Manöver zur 
Bahnabsenkung erfolgte am 31. Mai 0151 UTC und reduzierte die Bahn auf 362 x 474 
km. Eine zweite Zündung am 1. Juni 0236 UTC senkte sie weiter auf 237 x 471 km. 
Bahnmanöver 3 am 4. Juni von 0356 bis 0417 UTC senkte das Perigäum auf nur mehr 
148 km. Einen Umlauf später beförderte das abschließende Retromanöver von 0522 
bis 0552 UTC GRO auf seinen finalen Orbit von 28 x 470 km. Bei der Annäherung an 
das Perigäum um 0609 registrierte das Raumfahrzeug eine exzessive Wärmeent-
wicklung und begann zu taumeln. Der Kontakt ging um 0610 UTC verloren und um 
0618 UTC gingen die Überreste im Pazifik, südöstlich von Hawaii nieder.

GRO wurde von TRW in Redondo Beach gebaut und mit der Raumfähre Atlantis im 
April 1991 gestartet. Es war das Zweite im Programm der großen Observatorien, 
das außerdem Hubble, Chandra und SIRTF umfasst. GRO war Sinnbild für die 
fortgeschrittene Entwicklung der Gammastrahlenastronomie hin zu einer eigenen 
Disziplin und deren Entdeckungen von Gammastrahlenausbrüchen, Gammastrahlen-
quasaren und galaktischen Gammastrahlenquellen sind von dauerhafter Bedeutung. 
Beim Treffen der Amerikanischen Astronomischen Gesellschaft diese Woche in 
Rochester wurde das Modell GROs am Stand von TRW sogleich mit einem Kranz ge-
schmückt. Leider scheiterte unser Plan, sich über Nacht einzuschleichen und das 
Modell mit einem Aquarium tropischer Fische und verkohlten Metallteilen zu er-
setzen, an mangelndem Antrieb seitens der Verschwörer.

Errata
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Das Triebwerk RD-180 leistet einen Schub von 4152 kN und nicht 412 kN! Eine 
Entschuldigung für diesen Tippfehler geht an Energomasch. Aviation Weeks Bericht 
führt allerdings 3570 kN Schub beim Aufstieg an.

Das Apojovum Galileos gegenwärtiger Bahn beträgt nur 20,7 Millionen Kilometer, 
das ist niedriger als meine Schätzung in der letzten Ausgabe (beim dritten 
Keplerschen Gesetz muss wohl etwas schief gegangen sein :-)). Das ist innerhalb 
der Bahn der äußersten Jupitermonde. Es ist dennoch die bislang weiteste Bahn 
Galileos um den Jupiter. Das Apojovum wird am 8. September durchlaufen werden.


Tabelle kürzlich erfolgter Starts
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Datum  UT     Name            Trägerrakete   Startgelände       Aufgabe   I.D.

 3 Mai 0707   GOES 11         Atlas 2A       Canaveral SLC36A   Wetter     22A
 3 Mai 1325   Kosmos 2370     Sojus-U        Baikonur LC1       Erdbeob.   23A
 8 Mai 1601   DSP 20          Titan 4B       Canaveral LC40     Frühwarn.  24A
11 Mai 0148   GPS SVN 51      Delta 7925     Canaveral SLC17A   Navsat     25A
16 Mai 0828   Simsat-1 )      Rokot          Plessezk LC133     Test       26A
              Simsat-2 )                                                   26B
19 Mai 1011   Atlantis        Space Shuttle  Kennedy  LC39A     Raumschiff 27A
24 Mai 2310   Eutelsat W4     Atlas 3A       Canaveral SLC36B   Komsat     28A
 6 Jun 0259   Gorisont        Proton/Bris-M  Baikonur LC81P     Komsat     29A
 7 Jun 1319   TSX 5           Pegasus XL     Vandenberg RW30/22 Forschung  30A

Gegenwärtiger Status der Raumfähren
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Orbiter                Standort      Mission              Startdatum

OV-102 Columbia        Palmdale      OMDP
OV-103 Discovery       OPF Bucht 1   STS-92,  ISS 3A      Sep. 2000?
OV-104 Atlantis        OPF Bucht 3   STS-106, ISS 2A.2b   Aug. 2000?
OV-105 Endeavour       OPF Bucht 2   STS-97,  ISS 4A      Nov. 2000?

.-------------------------------------------------------------------------.
|  Jonathan McDowell                 |  phone : (617) 495-7176            |
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|   Astrophysics                     |                                    |
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|  USA                               |          jmcdowell@cfa.harvard.edu |
|                                                                         |
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