Ausgabe 430

Jonathan's Space Report                 Deutsche Übersetzung von Markus Dolensky
Nr. 430                                             18. Juli 2000, Cambridge, MA
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Shuttle und Raumstationen
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Das Modul 17KSM Nr. 128-1 Swesda, die achte zivile Raumstation der Saljut-
Klasse, wurde am 12. Juli 0456 UTC erfolgreich gestartet. Die dreistufige Trä-
gerrakete Chrunitschew Proton-K erreichte um 0505 UTC die Umlaufbahn. Es war der 
fünfte Start einer Proton binnen eines Monats. Laut Wladimir Agapow beträgt die 
Startmasse Swesdas 20295 kg. Das Kopplungsmanöver Swesdas an den ISS-Komplex 
Unity/Sarja soll im Laufe dieses Monats erfolgen. Swesdas anfänglicher Orbit war 
179 x 332 km x 51,6°. Am 14. Juli wurde die Bahn auf 288 x 357 km angehoben. Die 
ISS befindet sich auf einer Bahn von 365 x 372 km.
  
Swesda ist äußerlich fast identisch mit dem 1986 gestarteten Basismodul der Mir, 
und die Auslegung entspricht allen seit 1971 gestarteten zivilen DOS-Orbitalsta-
tionen, die vom Unternehmen Chrunitschew gefertigt und von Energia entwickelt 
und betrieben wurden.
  
     Zivile DOS-Raumstationen 
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  Vorabbezeichnungen     Bezeichnung  Start-         Anmerkungen
                         im Orbit     datum

  DOS 1   17K Nr. 121    Saljut      19. Apr. 1971   Sojus-11-Besuchscrew kam um
  DOS 2   17K Nr. 122    -           29. Juli 1972   Fehlstart
  DOS 3   17K Nr. 123    Kosmos 557  11. Mai  1973   Bahneinschuss missglückt
  DOS 4   17K Nr. 124    Saljut-4    26. Dez. 1974   neuer Aufenthaltsrekord
  DOS 5   17K Nr. 125    Saljut-6    29. Sep. 1977   erster Progress-Tanker
  DOS 6   17K Nr. 125-2  Saljut-7    19. Apr. 1982   Reserveeinheit der Saljut-6
  DOS 7   17K Nr. 127    Mir         19. Feb. 1986   Mehrfach-Andockknoten
  DOS 8? 17KSM Nr. 128-1 Swesda      12. Juli 2000   Servicemodul d. Raumstation

Die militärischen Almas-Raumstationen (Saljut-2, Saljut-3, Saljut-5), die TKS-
Fähre und die FGB-artigen Module sind verwandte Konstruktionen.

Deep Space One
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Deep Space 1 wurde im Oktober 1998 auf eine heliozentrische Umlaufbahn mit einem 
Perihelium ähnlich dem der Erde und einem Aphelium auf halbem Weg zur Marsbahn 
gestartet. DS1 steht unter der Leitung des JPL und ist die erste New-Millennium-
Mission der NASA zur Erprobung fortschrittlicher Raumfahrttechnologien, insbe-
sondere experimentelle Bordprogramme, Miniatursensoren und der erste Einsatz 
eines Ionentriebwerks für umfangreiche Bahnänderungen. Obwohl DS1 das erste 
Raumfahrzeug ist, das für das Erreichen des Zieles einen Ionenantrieb nutzt, ist 
sehr wenig über die Flugbahn öffentlich bekannt. Missionsleiter Marc Rayman 
übermittelte mir daher freundlicherweise die Bahnparameter. Das Wichtigste ist 
nachfolgend zusammengefasst. (Der JSR-Katalog mit den vollständigen heliozen-
trischen Bahnelementen aller Raumsonden seit Luna-1 nimmt langsam Gestalt an und 
wird hoffentlich nächstes Jahr herauskommen.)

Bei der anfänglichen Erprobung des Ionentriebwerks zwischen November 1998 und 
Januar 1999 wurde das Aphelium um sechs Millionen Kilometer erhöht. Eine zweite 
Brennphase von März bis April 1999 hob das Perihelium um 4,8 Millionen Kilometer 
an und brachte DS1 auf eine Bahn, die im Juli 1999 in der Nähe des Apheliums am 
Kleinplaneten (9969) Braille vorbeiführte. Eine dritte Schubphase von Juli bis 
Oktober 1999 hob das Perihelium um weitere 10 Millionen Kilometer an und senkte 
gleichzeitig die Inklination auf 0,2 Grad ab. Zwischenzeitlich hatte DS1 am 18. 
September seine primäre Mission erfolgreich abgeschlossen. Der Ausfall des 
Sternsensors von DS1 kurz danach ließ Zweifel an einer Missionsverlängerung 
aufkommen - ohne den Sternsensor war DS1 orientierungslos und schwierig zu steu-
ern. In einer bemerkenswerten Aktion programmierte das Team am JPL die Raumsonde 
so um, dass sie statt dessen die Bilder der Wissenschaftskamera MICAS verwendet, 
die ein hundertmal kleineres Blickfeld als der Sternverfolger hat. Der Daten-
strom wurde in ein mit der Navigationsanlage kompatibles Format konvertiert. 
Dabei half das autonome Navigationssoftwarepaket, das Teil der zu erprobenden 
Technik war und die Daten MICAS bereits verwendete. Dieser Verarbeitungsschritt 
ist jedoch nur der Erste in einer langen Kette von Softwaremodulen und es ist 
sehr beeindruckend, was hier zum Laufen gebracht wurde. Das Ionentriebwerk kann 
nur in Richtungen gezündet werden, in der MICAS einen entsprechend hellen 
Leitstern im Blick hat. Eine weitere Herausforderung stellte die Entwicklung 
einer Steuerungsstrategie dar, die mit möglichst wenigen Leitsternen auskommt: 
Für das nächste Ziel, den Kometen 19P/Borrelly, ist nur ein halbes Dutzend 
vonnöten. Dabei ist eine viel größere Bahnänderung erforderlich als bei den 
vorausgegangenen Manövern. Die Feinabstimmung der Flugbahn erfolgt durch 
Änderung des Datums, zu dem ein Stern durch einen anderen ersetzt wird. Die 
intensiven Bemühungen kamen im Juni zum Abschluss, als das Ionentriebwerk am 28. 
des Monats wieder gestartet wurde. DS1 wird den Kometen 19P/Borrelly im 
September 2001 passieren.

 --------- Bahndaten DS1 --------------------------

 Datum           Periode   Perihel x Aphel x Inkl.
 10. Nov. 1998   446,6 d   0,990 x 1,287 AU x 0,37°
 22. Jan. 1999   459,5 d   0,990 x 1,331 AU x 0,38°
 27. Apr. 1999   470,4 d   1,022 x 1,336 AU x 0,26°
 27. Okt. 1999   492,6 d   1,090 x 1,342 AU x 0,19°
     Feb. 2001  (564,9 d   1,287 x 1,378 AU x 0,20°) geplant
     Mai  2001  (584,8 d   1,291 x 1,436 AU x 0,21°) geplant

 Perihelien: Oktober 1998, Februar 2000, Mai 2001.

 -------- Danke Marc Rayman, JPL ------------------

Aktuelle Starts
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Kosmos 2371 wurde am 4. Juli 2344 UTC von Baikonur gestartet. Bei dem Raumfahr-
zeug handelt es sich um einen militärischen Datenrelaissatelliten der Type 
Geizer. Die Oberstufe Blok DM beförderte den Geizer am 5. Juli 0620 UTC auf eine 
geosynchrone Umlaufbahn. Satelliten des Baumusters Geizer werden von NPO PM 
basierend auf dem Satellitenbus KAUR-3 gebaut.

Der Digitalradiosatellit Sirius 1 wurde mit einer Trägerrakete vom Typ 
Proton-K/Blok DM3 auf eine Transferbahn von 6166 x 47110 km x 63,4° befördert. 
Mit seinem flüssig betriebenen Apogäumstriebwerk der Marke R4D hob er die Bahn 
bis zum 8. Juli auf 24388 x 47097 km x 63,3° an. Der geneigte, elliptische Orbit 
mit dem Apogäum über der Nordhalbkugel hat eine Umlaufzeit von 24 Stunden und 
überstreicht dabei einen Bereich zwischen 60 und 140 Grad westlicher Länge. Der 
Satellit Sirius 1 ist ein LS-1300 von Space Systems/Loral mit einer Leermasse 
von 1570 kg.

Der Fernmeldesatellit Echostar VI der Echostar Communication Corporation wurde 
am 14. Juli mit einer Lockheed Martin Atlas IIAS von International Launch Ser-
vices gestartet. Flug AC-161 erreichte eine Parkbahn von 155 x 436 km x 28,3°. 
Nach einer neuerlichen Zündung der Centaur gelangte Echostar auf eine Transfer-
bahn von 166 x 38191 km x 26,6°. Echostar VI ist ein Space Systems/Loral LS-1300 
mit einer Leermasse von 1493 kg.

Der deutsche Minisatellit CHAMP wurde am 15. Juli von Plessezk mit einer Träger-
rakete Poljot Kosmos-3M auf eine Umlaufbahn von 421 x 476 km x 87,3° befördert. 
Das war schon der zweite Start einer Kosmos-3M in letzter Zeit, der auf eine 
neue Bahnneigung führte: Vor dem letztwöchigen Start auf eine sonnensynchrone 
Bahn war die bislang höchste von Plessezk aus erzielte Inklination 83 Grad gewe-
sen. CHAMP ist ein geophysikalischer Forschungssatellit, der vom Geoforschungs-
zentrum (GFZ) Potsdam zum Studium des Magnetfeldes und des Gravitationsfeldes 
betrieben wird. Der Satellit hat eine Masse von 550 kg.

Zusammen mit CHAMP wurde auch MITA gestartet, ein experimenteller von Carlo 
Gavazzi Space in Mailand gebauter Mikrosatellit der italienischen Weltraumagen-
tur, sowie Rubin, ein von OHB und Studenten der Hochschule Bremen entwickelter 
Mikrosatellit zur Messung von Parametern der Trägerrakete. MITA hat eine Masse 
von 170 kg und ist mit dem Partikeldetektor NINA und einem experimentellen Lage-
kontrollsystem ausgestattet. Rubin ist fest mit dem Nutzlastadapter der Endstufe 
der Kosmos-3M verbunden. Rubin wird in manchen Quellen auch als BIRD-Rubin ge-
nannt, steht jedoch verwirrenderweise in keinem Zusammenhang mit dem Mikrosatel-
liten BIRD, der ursprünglich für diesen Start geplant war. Danke an Christian 
Stelter, Carlo Cicone und Eduard Muller für entsprechende Hinweise.

Die ersten beiden Cluster-II-Satelliten der Europäischen Weltraumagentur, Samba 
(FM7) und die Salsa (FM6) wurden am 16. Juli gestartet. Das ausständige Paar, 
Rumba (FM5) und Tango (FM8), wird nächsten Monat folgen. Die Trägerrakete des 
Typs Sojus-U hob vom Bereich 31 (Rampe 6) ab. Nach der Abtrennung der dritten 
Stufe befand sich der obere Verbund, bestehend aus der Oberstufe Fregat und den 
zwei Clustern, auf einer suborbitalen Flugbahn. Die erste Zündung der Fregat 
führte auf eine Kreisbahn von 200 km mit 64,8° Inklination. Ein zweites 
Bahnmanöver beförderte die Cluster auf eine Transferbahn von 250 x 18072 km x 
64,7°. FM7 wurde zuerst ausgestoßen, FM6 folgte 10 Sekunden später. Die 
Trägerrakete Sojus wird von ZSKB-Progress gebaut, die Oberstufe Fregat ist eine 
Entwicklung von Lawotschkin und das französische Unternehmen Starsem fungiert 
als Startdienstleister der Sojus-Fregat.

Die Cluster-Satelliten wurden von Astrium (ehemals Dornier) in Friedrichshafen 
angefertigt. Beide Satelliten sind mit Flüssigtriebwerken S400 von Astrium (frü-
her MBB) bestückt, mit deren Hilfe sie auf eine viel höhere polare Umlaufbahn 
gelangen werden. Die anderen beiden Satelliten werden sich der Konstellation 
anschließen, um gemeinsam die Eigenschaften der Magnetosphäre zu erkunden. Jeder 
der Satelliten hat eine Leermasse von 550 kg und wird vier 50 Meter lange Draht-
antennen ausfahren. Die ersten Brennphasen erfolgten während Perigäumsdurch-
gängen am 17. Juli und 18. Juli und führten auf 240 x 35300 km. Die Satelliten 
werden zunächst eine Umlaufbahn von 18000 x 121000 km x 65° anpeilen und dann 
die Inklination im Apogäum (wo die Geschwindigkeit niedrig und eine Richtungs-
änderung mit dem geringsten Aufwand verbunden ist) auf polare 90° ändern.

Ein Navstar GPS-Satellit wurde am 16. Juli 0917 UTC mit einer Boeing Delta 7925 
von Cape Canaveral gestartet. Es dürfte sich um den Satelliten SVN 44 handeln, 
auch wenn ihn Space Command als Navstar 48 registriert hat. Die Reihe GPS IIR 
hat eine Leermasse von 980 kg und wird von Lockheed Martin in Sunnyvale gefer-
tigt. Die zweite Stufe der Delta erreichte um 0928 UTC eine Parkbahn von 151 x 
337 km x 36,9°. Sie zündete zur Anhebung des Apogäums noch ein weiteres Mal. Die 
ausgebrannte Zweitstufe war auf einer Umlaufbahn von 195 x 1322 km x 37,6°. Die 
Drittstufe PAM-D beförderte den GPS-Satelliten auf eine Transferbahn von 209 x 
20445 km x 38,9°. Der Satellit wird am 18. Juli im Apogäum seine feststoff-
betriebene Kickstufe Thiokol Star 37XFP zünden und so auf eine Kreisbahn gelan-
gen.

Eine Orbital Sciences Minotaur wurde während des Verfassens dieser Zeilen in 
Vandenberg auf ihren Start vorbereitet; mehr dazu in der nächsten Ausgabe.

Errata
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Die Zeitangaben zur Landung von Sojus TM-30 waren falsch (bedingt durch mehr-
fache, fehlerhafte Umrechnungen zwischen verschiedenen Zeitzonen). Korrigierte 
Zeiten: Abkopplung am 15. Juni 2124 UTC, Retromanöver um 2352 UTC, Landung am 
16. Juni 0044 UTC.

Der Start Nadjeschdas von Plessezk erfolgte gen Norden und nicht südwärts. Ein 
Fehler in meinem Programm zur Bestimmung des Kurses über Grund ließ mich irren. 
Der Start erfolgte von Plessezk in nordwestlicher Richtung über die Arktis.


Tabelle kürzlich erfolgter Starts
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Datum  UT     Name              Trägerrakete   Startgelände     Aufgabe   I.D.

 6 Jun 0259   Gorisont          Proton-K/Bris-M Baikonur LC81P   Komsat    29A
 7 Jun 1319   TSX 5             Pegasus XL     Vandenberg RW30/22 Forsch.  30A
24 Jun 0028   Express A Nr. 3   Proton-K/DM-2M Baikonur LC200?  Komsat     31A
25 Jun 1150   Fengyun-2         CZ-3           Xichang LC1      Wetter     32A
28 Jun 1037   Nadjeschda )      Kosmos-3M      Plessezk LC132   Navsat     33A
              Tsinghua   )                                      Tech.      33B
              SNAP 1     )                                      Tech.      33C
30 Jun 1255   TDRS 8            Atlas 2A       Canaveral SLC36A Komsat     34A
30 Jun 2208   Sirius 1          Proton-K/DM3   Baikonur LC81P   Komsat     35A
 4 Jul 2344   Kosmos 2371       Proton-K/DM-2? Baikonur LC200?  Komsat     36A
12 Jul 0456   Swesda            Proton-K       Baikonur LC81L   Station    37A
14 Jul 0521   Echostar VI       Atlas 2AS      Canaveral SLC36B Komsat     38A
15 Jul 1200   CHAMP   )         Kosmos-3M      Plessezk LC132   Forschung  39
              MITA    )                                         Forschung  39
              Rubin   )                                         Erdbeob.   39
16 Jul 0917   GPS SVN 44        Delta 7925     Canaveral LC17A  Navsat     40A
16 Jul 1239   Samba   )         Sojus-Fregat   Baikonur LC31    Forschung  41A
              Salsa   )                                         Forschung  41B


Gegenwärtiger Status der Raumfähren
___________________________________
 
Orbiter                Standort      Mission              Startdatum

OV-102 Columbia        Palmdale      OMDP
OV-103 Discovery       OPF Bucht 1   STS-92,  ISS 3A      Okt. 2000
OV-104 Atlantis        OPF Bucht 3   STS-106, ISS 2A.2b   Sep. 2000
OV-105 Endeavour       OPF Bucht 2   STS-97,  ISS 4A      Nov. 2000?

MLP-1
MLP-2/RSRM-75/ET-103         VAB Bucht 1  STS-106
MLP-3/RSRM-76/ET-104         VAB Bucht 3  STS-92

.-------------------------------------------------------------------------.
|  Jonathan McDowell                 |  phone : (617) 495-7176            |
|  Harvard-Smithsonian Center for    |                                    |
|   Astrophysics                     |                                    |
|  60 Garden St, MS6                 |                                    |
|  Cambridge MA 02138                |  inter : jcm@cfa.harvard.edu       |
|  USA                               |          jmcdowell@cfa.harvard.edu |
|                                                                         |
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