Ausgabe 456

Jonathan's Space Report                 Deutsche Übersetzung von Markus Dolensky
Nr. 456                                             15. Juli 2001, Cambridge, MA
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Shuttle und Raumstation
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Dir Raumfähre OV-104 Atlantis wurde am 12. Juli 0903:59 UTC vom Kennedy-Raum-
fahrtzentrum zur Mission STS-104 gestartet. Das Abschalten der Haupttriebwerke 
und der Abwurf des Außentanks erfolgten um 0913 UTC. Atlantis befand sich da-
raufhin auf einer Bahn von rund 59 x 235 km x 51,6°. Das Bahnmanöver OMS-2 um 
0942 UTC erhöhte die Geschwindigkeit um 29 m/s und hob den Orbit auf 157 x 235 
km x 51,6° an. Eine weitere Zündung um etwa 1240 UTC hob die Bahn weiter auf 232 
x 305 km an. Atlantis koppelte am 14. Juli um 0308 UTC an die Raumstation an.

Die Hauptnutzlast von STS-104 ist eine Luftschleuse, die nunmehr auf den Namen 
Quest getauft wurde. Das Quest-Modul wurde von Boeing in Huntsville gefertigt. 
Es besteht aus einer Ausrüstungskammer und der eigentlichen Luftschleuse. Sie 
basiert auf der Luftschleuse des Raumgleiters und dürfte von Rockwell in Palm-
dale gebaut worden sein. Die Ausrüstungskammer wurde an eine der weiten CBM-
Luken des Unity-Moduls angesetzt.

Videoaufnahmen aus der Umlaufbahn bestätigen weitgehend meine in der vorigen 
Ausgabe geäußerten Vermutungen hinsichtlich der Belegung der Nutzlastbucht. Die 
IMAX-Kamera scheint sich an der Steuerbordseitenwand auf Frachtraumposition 3 zu 
befinden.

Am 15. Juli unternahmen die Astronauten Gernhardt und Reilly den ersten Außen-
bordeinsatz der Mission. Die Luftschleuse wurde bis 0306 UTC dekomprimiert und 
um 0307 UTC wurde das Schott geöffnet. Die Astronauten entfernten thermische 
Schutzabdeckungen von Quest und befestigten auf Spacelab-Paletten gelagerte 
Handläufe daran und an den O2/N2-Tanks. Der Stationsarm SSRMS erfasste Quest um 
0449 UTC und hob es um 0510 UTC aus Atlantis heraus und setzte es um 0734 UTC an 
das Unity-Modul an. Quest wurde um 0740 UTC fest an Unitys CBM auf der Seite +X 
verschraubt. Die Astronauten kehrten um 0853 UTC zur Luftschleuse zurück, 
schlossen das Schott gegen 0859 UTC und setzten es um 0909 UTC wieder unter 
Druck. Das ergab eine Ausstiegsdauer von 6 h 03 m (Dekompri-
mierung/Druckausgleich), 5 h 52 m (Luke auf/zu) bzw. 5 h 59 m (NASA-Zählweise).


Kürzliche Starts
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Die Forschungssonde MAP (Microwave Anisotropy Probe) der NASA wurde am 30. Juni 
1946:46 UTC gestartet. Die Trägerrakete Boeing Delta 7425-10 schwenkte um 1958 
UTC auf eine Parkbahn von 167 x 204 km x 28,8° ein. Um 2104 UTC zündete die 
zweite Stufe noch einmal kurz für 4 s und hob die Bahn auf rund 181 x 308 km an. 
Die dritte Stufe wurde in Rotation versetzt und zündete um 2108 UTC, wodurch MAP 
auf eine stark elliptische Bahn von 182 x 292492 km x 28,7° beschleunigt wurde. 
MAP wird den Orbit mittels Bordtreibstoff justieren und beim vierten Apogäums-
durchgang am 30. Juli am Mond vorbeifliegen und in ungefähr drei Monaten am 
Punkt L2 1,5 Millionen Kilometer von der Erde ankommen. Von L2 aus wird MAP den 
dunklen extragalaktischen Himmel mit differenziellen Mikrowellenradiometern über 
zwei 1,5-Meter-Reflektoren bei 22 bis 90 GHz beobachten und Fluktuationen des 
kosmischen Mikrowellenhintergrundes bei 3 Kelvin mit 35 Mikrokelvin Genauigkeit 
messen. Die räumliche Auflösung beträgt bis zu 0,2 Bogengrad. Bodengestützte 
Experimente lieferten kürzlich überzeugende Daten, wonach die Hintergrundfluk-
tuationen mit einem Model im Einklang stehen, das die Gesamtdichte des Uni-
versums nahe der kritischen Dichte ansetzt. MAP wird diese Beobachtungen weiter 
verfeinern und ergänzen. Das Raumfahrzeug hat eine Leermasse von 768 kg und ver-
fügt über 72 kg Treibstoff. Es wurde von NASA-Goddard gefertigt. Das Mikro-
welleninstrument wurde gemeinsam mit der Universität Princeton gebaut.

MAP ist der zweite mittelgroße Explorer (MIDEX) - der erste war IMAGE zum Stu-
dium der Magnetosphäre. SWIFT zur Untersuchung von Gammastrahlenausbrüchen wird 
der dritte MIDEX sein und soll in zwei Jahren gestartet werden.


Die Trägerrakete Ariane 510 von Arianespace verfehlte am 12. Juli ihre korrekte 
Umlaufbahn. Die Feststoffbooster EAP und die mit flüssigem Wasserstoff betankte 
Hauptstufe EPC funktionierten wie vorgesehen und beförderten die Oberstufe EPS 
auf einen begrenzten Orbit mit einem Perigäum von gerade so über null, wenn-
gleich die gemeldeten Geschwindigkeiten kurz vor dem Abschalten der EPC niedri-
ger als bei vorhergehenden Missionen waren. Daraufhin zündete die Stufe EPS, um 
die Geschwindigkeit weiter zu erhöhen - was aber nur teilweise gelang: Anstatt 
einer Bahn von 858 x 35853 km wurde nur ein Orbit von 592 x 17528 km erreicht. 
Das Aestus-Triebwerk erzeugte nicht den vollen Schub und schaltete eine Minute 
zu früh ab.

Die beiden Satelliten an Bord von Ariane 510 waren die Fernmeldesatelliten 
Artemis und BSAT-2b. Artemis hat 3105 kg und ist mit einem Flüssig-Apogäums-
triebwerk S400 von Astrium ausgestattet, das mit 1538 kg Zweikomponententreib-
stoff betankt ist, wovon das Haupttriebwerk von 400 N Schub sowie ein Satz Lage-
kontrolldüsen mit 10 N versorgt werden. Außerdem ist er mit vier Ionentrieb-
werken von je 20 mN Schub und 40 kg Xenon ausgestattet. Der viel einfachere 
Satellit BSAT-2b, der auf dem Satellitenbus Orbitals Star 1 basiert, hat eine 
Startmasse von 1298 kg und ist vermutlich mit einem Feststoff-Apogäumsmotor 
Thiokol Star 30 und einem Satz Lagekontrolldüsen mit möglicherweise etwa 200 kg 
Treibstoff ausgestattet, was ihm im Vergleich zu Artemis viel weniger Flexibili-
tät beim Erreichen seiner geplanten Bahn gibt.

Artemis ist ein Satellit der Europäischen Weltraumagentur zur Erprobung neuer 
Kommunikationstechniken. Er ist mit dem Laserkommunikationsexperiment Silex, 
einem S-Band-Intersatellitenlink, einem Datenrelaispaket im Ka-Band, einer 
großen L-Band-Antenne für mobile Dienste und einem Navigationspaket im L-Band 
ausgerüstet. BSAT-2b ist ein Fernsehsatellit des japanischen Unternehmens B-SAT.

Die US-Luftwaffe feuerte am 15. Juli 0240 UTC eine ICBM des Typs Minuteman II 
von der AFB Vandenberg ab. Sie folgte einer suborbitalen Flugbahn mit einem 
Apogäum von rund 1600 km und trat nahe dem Atoll Kwajalein wieder ein. Die US-
Armee startete eine zweistufige PLV (Payload Launch Vehicle) von der Insel Meck, 
um sie in einer Höhe von 225 km abzufangen. Der Test fand im Rahmen des Natio-
nalen Raketenabwehrprogramms NMD statt, das anscheinend vor Kurzem in das ge-
zwungen klingende Bodengestützte Abwehrsegment für die Mittlere Flugphase umbe-
nannt wurde. Die Minuteman II von Boeing besteht aus einer Erststufe M55E1, 
einer Zweitstufe SR19 und einer Drittstufe M57A1. Die Lockheed Martin PLV be-
steht lediglich aus den Stufen SR19 und M57A1.


Tabelle kürzlich erfolgter Starts
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Datum  UT     Name              Trägerrakete  Startgelände     Aufgabe      I.D.

 8 Jun 1508   Kosmos 2378       Kosmos-3M     Plessezk LC132   Navsat        23A
 9 Jun 0645   Intelsat 901      Ariane 44L    Kourou ELA2      C/Ku Telek.   24A
16 Jun 0149   Astra 2C          Proton-K/DM3  Baikonur LC81/23 Ku Video      25A
19 Jun 0441   ICO-2             Atlas IIAS    Canaveral SLC36B C/S Tel./Dat. 26A
30 Jun 1946   MAP               Delta 7425    Canaveral SLC17B Astronomie    27A
12 Jul 0904   Atlantis STS-104) Shuttle       Kennedy LC39B    Raumschiff    28A
              Quest           )                                Stationsmodul
12 Jul 2158   Artemis   )       Ariane 5G     Kourou ELA3      exp. Komm.    29A
              BSAT-2b   )                                      Ku Video      29B

Gegenwärtiger Status der Raumfähren
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Orbiter                Standort      Mission              Startdatum
 
OV-102 Columbia        OPF Bucht 3   STS-109, HST SM-3B   17. Jan. 2002     
OV-103 Discovery       LC39A         STS-105, ISS 7A.1     5. Aug. 2001  
OV-104 Atlantis        ISS           STS-104, ISS 7A      12. Juli 2001  
OV-105 Endeavour       OPF Bucht 1   STS-108, ISS UF-1    29. Nov. 2001  

.-------------------------------------------------------------------------.
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|   Astrophysics                     |                                    |
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|  USA                               |          jmcdowell@cfa.harvard.edu |
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