Ausgabe 478

Jonathan's Space Report                 Deutsche Übersetzung von Markus Dolensky
Nr. 478                                               7. Mai 2002, Cambridge, MA
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Schamlose Schleichwerbung
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Jene, die sich fragen, womit ich meine Brötchen verdiene, mögen einen Blick 
hierauf werfen 
 http://chandra.harvard.edu/press/02_releases/press_041902.html 
alternativ auch
 http://www.spaceflightnow.com/news/n0204/24chandra

Shuttle und Raumstation
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Gidsenko, Vittori und Shuttleworth erreichten die Raumstation am 27. April. Sie 
bilden die Besuchsbesatzung EP-3 und fliegen die ISS-Mission 4S. Auf dem Hinweg 
nutzen sie die Raumkapsel Sojus TM-34 (Fahrzeug 208) und zurück Sojus TM-33 
(Fahrzeug 207) - jede dieser Kennungen ist korrekt, die Benennung "Sojus 4" 
durch die NASA-Kommentatoren ist schlichtweg falsch (Sojus 4 flog 1969; Sojus 
TM-34 ist eine russische Mission, also hat die NASA kein Namensrecht dafür. Das 
ist ein typisches Beispiel für eine vermeintliche Vereinfachung, die in 
Wirklichkeit nur zusätzliche Verwirrung stiftet. Manche werden sich noch an das 
Nummernfiasko bei Skylab SL-2/Flug 1 erinnern).

Sojus TM-34 koppelte am 27. April 0755 UTC an die Nadirluke des Sarja-Moduls. 
Nach einer Woche an Bord der Station zog die EP-Besatzung in die alte Kapsel 
Sojus TM-33 um, die inzwischen an Pirs gekoppelt war. Sie legten am 5. Mai 
0031:08 UTC von Pirs ab und verließen die Besatzung EO-4 bestehend aus 
Onufrienko, Walz und Bursch mit dem neuen Rettungsfahrzeug Sojus TM-34. Das 
Retromanöver von Sojus TM-33 war für 0257 UTC geplant.

Nowosti berichtet, dass Sojus TM33 um 0352 UTC erfolgreich 25 km südöstlich von 
Arkalyk landete. Eine Presseaussendung der ESA gibt die Zeit mit 0355 UTC an und 
AP führt 0351 UTC an. Eine Pressemeldung Energias bestätigt die von Nowosti 
angegebene Zeit.

JP Donnio lässt mich wissen, dass die von der Presse für den Raumflugteilnehmer 
Shuttleworth verwendete Bezeichnung "Tourist" unfair sei. "Er ist ein zahlender 
Juniorastronaut, der auch ernsthafte Forschung für sein Land betreiben wird. Er 
absolvierte acht Monate hartes Training [...] ist zweifellos weniger Tourist als 
manche [...] die einen Freiflug mit dem Shuttle bekamen."

"Privat finanzierter Astronaut" wäre eine bessere Beschreibung, da er nicht nur 
aus dem Fenster schaute, sondern wissenschaftliche Experimente durchführte, wie 
es Nutzlastspezialisten in der Vergangenheit taten. (Mir persönlich würde es 
durchaus genügen, ein bloßer Tourist zu sein. Sollte mich jemand mit 20 
Millionen Dollar oder so sponsern wollen, so möge er sich gerne bei mir melden.)

Kürzliche Starts
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Frankreichs Fotosatellit SPOT 5 wurde am 4. Mai 0131:46 UTC mit einer Ariane 42P 
gestartet. Die Ariane 42P mit zwei PAP-Feststoffboostern stieg in nördlicher 
Richtung von Kourou auf. Die dritte Stufe feuerte entlang der Ostküste Nord-
amerikas, stellte das Triebwerk um 0150 UTC ab und trennte sich um 0151 UTC ab. 
Das Ablassen des Resttreibstoffs der Drittstufe war von den USA aus zu beobach-
ten.

SPOT 5 von SPOT Image wurde von Astrium in Toulouse gebaut. Er hat eine Masse 
von 3000 kg einschließlich 150 kg des Lageregelungstreibstoffs Hydrazin. Das 
Hauptinstrument ist die Fotokamera HRVIR mit 2,5 Metern Auflösung. Das 5-ka-
nalige Instrument VEGETATION-2 ist ein Sekundärexperiment mit 1 km Auflösung.

Die Amateurfunknutzlast Idefix besteht aus zwei kleinen Gehäusen von je 6 kg, 
die an der Drittstufe der Ariane befestigt sind. Die Nutzlast wird von AMSAT-F, 
betrieben, der französischen Niederlassung der Amateurfunkorganisation. (Der 
erste französische Satellit trug den Spitznamen Asterix, so wie die bekannte 
Comicfigur. Idefix war der Schoßhund von Asterix und Obelix.)

NASAs Fernerkundungssatellit Aqua stieg einige Stunden später an Bord einer 
Boeing Delta 7920-10L auf. Die Delta startete um 0954:58 UTC südwärts von 
Vandenberg und erreichte um 1006 UTC eine Transferbahn von 185 x 707 km x 98,1°. 
Die zweite Zündung der Zweitstufe um 1048:58 UTC brachte Aqua auf eine Umlauf-
bahn von 676 x 687 km x 98,2°.

Aqua heißt auch EOS-PM und verstärkt EOS-AM/Terra als Teil derselben Erdbe-
obachtungs-Satellitenkonstellation. Der Satellit wurde von TRW gefertigt und 
basiert auf dem neuen Satellitenbus T-330/AB1200. Er hat eine Masse von 2934 kg 
einschließlich 102 kg Hydrazin. Aquas Nutzlast setzt sich aus einer Reihe von 
Fernerkundungsinstrumenten zusammen:

CERES hat zwei Breitbandradiometer für den sichtbaren bis infraroten Bereich, 
die die Energiebilanz der Erdatmosphäre messen. UV-Strahlung der Sonne wird 
nämlich von der Oberfläche, der Atmosphäre und den Wolken im Infraroten wieder 
abgestrahlt. Die CERES-Sensoren messen den Energiefluss in den Bändern 0,3 - 5 
und 8 - 12 Mikron sowie die Gesamtstrahlung im Bereich 0,3 - 100 Mikron.

AIRS ist ein Infrarot-Spektrometer für den Bereich 3,7 - 15 Mikron (und kein 
Mikrowellensensor, wie in der Pressebroschüre angegeben), das vertikale Tempera-
tur- und Feuchtigkeitsprofile liefert. Hinzu kommt ein 4-kanaliges Fotometer im 
optischen Band 0,4 - 1,0 Mikron.

AMSU-A1 und AMSU-A2 sind ein Paar Mikrowellendetektoren (15 - 90 GHz) mit 15 
Kanälen zum Messen von Temperaturprofilen.

HSB ist ein Feuchtigkeitssensor aus Brasilien, ein 4-kanaliger Mikrowellende-
tektor (150 und 183 GHz), der selbst bei starker Bewölkung Feuchtigkeitsprofile 
erfassen kann.

AMSR-E ist ein japanisches passives Mikrowellenradiometer (6,9 - 89 GHz), das 
die Streuung von Mikrowellenemission an Regentropfen dazu nutzt, die Nieder-
schlagsrate sowie Winde und Temperatur an der Meeresoberfläche zu bestimmen.

MODIS ist ein abbildendes Spektrometer für den optischen/infraroten Bereich (0,4 
- 14,5 Mikron).

Die Instrumente CERES und MODIS sind auch an Bord des Satelliten Terra.

Phillip Clark wies darauf hin, dass die Bahn von Kosmos 2388 ein Argument des 
Perigäums von 287 Grad aufweist, was typisch für Molnija-Satelliten ist, wohin-
gegen bei Oko-Satelliten 317 Grad die Norm sind. Das erstaunt ein wenig, da 
russische Quellen vor dem Start übereinstimmend von einem Oko ausgingen - es ist 
möglich, dass es ein Molnija ist, der versagte, aber wahrscheinlicher ist es ein 
Oko mit einem neuen Bahnprofil (oder ein Programmierfehler des Bodenpersonals!)

Gelangte Apollo AS-202 in die Umlaufbahn?
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Die Apollo-Mission 202 mit CSM 011 wird in den Geschichtsbüchern als suborbitale 
Mission geführt. Meine Nachforschungen ergeben jedoch, dass kurzfristig ein 
begrenzter Orbit erzielt wurde! Zugegebenermaßen waren es nur sechs Minuten auf 
dieser Bahn, bevor der Wiedereintritt erfolgte und das Perigäum war innerhalb 
der Atmosphäre, aber es gibt nur recht wenige suborbitale Missionen mit Perigäen 
über minus einigen Tausend Kilometern, sodass die wenigen Grenzfälle ziemlich 
interessant sind. (Es ist mir durchaus bewusst, dass die traditionelle Richt-
linie für die Katalogisierung bei NORAD einen *vollständigen* Umlauf voraus-
setzt, aber ich bin nicht dazu verpflichtet, mich an diese Limitierung zu hal-
ten.) Ein typischer Flug einer Minuteman von Vandenberg nach Kwajalein hat bei-
spielsweise einen ungefähren Orbit von -4000 x 1300 km x 145°, also ein stark 
negatives Perigäum, weit entfernt von einer Umlaufbahn.

AS-202 war der dritte unbemannte Testflug einer Apollo/Saturn-IB. Dass er nicht 
als Apollo 2 bezeichnet wurde, kann als frühes Beispiel des Namensschlamassels 
bei der NASA gelten. (Auf AS-201, 203 und 202 folgte Apollo 4. Apollo 1 war für 
jene Mission reserviert, die aufgrund des fatalen Feuers bei Bodentests nie 
stattfand. Die Namen Apollo 2 und 3 wurden nicht vergeben.)

Die Daten im Dokument MSC-A-R-66-5, Postlaunch Report for Mission AS-202 (Apollo 
Spacecraft 011), ergeben folgenden Bahnverlauf: (Der von mir überwiegend aus 
Geschwindigkeits- und Höhenangaben im Bericht abgeleitet wurde, wobei einiges 
durch direkte Nennung von Bahnelementen bestätigt ist).

 25. Aug. 1966
 (UTC)
 1715:32   Start mit einer Saturn IB, Cape Kennedy
 1725:30   CSM 011 trennt sich in 222 km Höhe von S-4B-202,
           beide sind auf einem Orbit von -2331 x 268 km x 31,8°.
 1729:17   CSM-011-Manöver SPS-1 endet in 338 km und führt auf eine
                            Umlaufbahn von -232 x 1143 km x 31,5°.
 1731      Die Stufe S-4B-202 wird bei Drucktest gesprengt, so wie
           bei der Orbitalmission S-4B-203 im Vormonat.
 1756:56   CSM-011 erreicht über Johannesburg das Apogäum von 1143 km 
 1822:56   CSM-011-Manöver SPS-2 endet und peilt die Atmosphäre 
           mit 8,4 km/s aus einer Höhe von 374 km über der Küste
           von Westaustralien an.
           Die neue Bahn - mit positivem Perigäum - ist 53 x 3762 km x 31,4°.
 1823:22   Zwei weitere SPS-Zündungen beschleunigen zusätzlich; der Orbit
           ist jetzt 59 x 4082 km x 31,4°; aktuelle Höhe 345 km, 
           absteigend.
 1828:00   Wiedereintritt in 122 km über Neuguinea,
           8,69 km/s, Eintrittswinkel 3,53°.
 1830-1833 wird noch einmal von 65 auf 79 km hochgetragen, bremst
 1848:34   Wasserung im Pazifik südlich der Insel Wake.

Es ist mir klar, dass einigen von Ihnen diese Fakten lächerlich vorkommen wer-
den. Jenen, die mit den Mysterien der Bahnmechanik nicht so vertraut sind, sei 
in Erinnerung gerufen, dass die Erde einen Äquatorradius von 6378 km hat. Ich 
gebe Bahnhöhen relativ zu diesem Radius an, als ob die Erde eine Kugel wäre (im 
Gegensatz zur russischen Praxis, bei der ein abgeflachtes Sphäroid als Referenz 
verwendet wird - das macht einen kleinen Unterschied). Demnach ist ein Orbit von 
-2331 x 268 km einer, dessen Periapsisabstand (im Gegensatz zur Höhe) 4047 km 
vom Erdmittelpunkt und die Apoapsis 6646 km vom Zentrum ist (man addiere einfach 
6378 zu jeder der Zahlen). Wie Newton und Gauss zeigten (von J2 und Luftwider-
stand einmal abgesehen) folgt das CSM, in der Annahme die Erde sei eine Punkt-
masse und 4047 km sei ein vollkommen vernünftiger Periapsisabstand, fröhlich 
einer Kepler-Ellipse - bis es beim Auftreffen auf die Erdatmosphäre böse er-
wacht. Das Anheben des Perigäums auf +59 km gewährleistet einen sehr flachen 
Eintrittswinkel in die Atmosphäre, ähnlich wie bei einem zurückkehrenden Apollo-
Raumfahrzeug, nur mit niedrigerer Geschwindigkeit.


Tabelle kürzlich erfolgter Starts
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Datum  UT     Name              Trägerrakete   Startgelände     Aufgabe     I.D.

 1 Apr 2207   Kosmos 2388       Molnija-M      Plessezk LC16/2  Frühwarn.    17A
 8 Apr 2019   Atlantis STS-110) Space Shuttle  Kennedy LC39B    Raumschiff   18A
              S0              )                                 Stationsmod. 
16 Apr 2302   NSS 7             Ariane 44L     Kourou ELA2      Komm.        19A
25 Apr 0626   Sojus TM-34       Sojus-U        Baikonur LC1     Raumschiff   20A
 4 Mai 0131   SPOT 5    )       Ariane 42P     Kourou ELA2      Erdbeob.     21A
              Idefix    )                                       Amateurfunk  21B
 4 Mai 0954   Aqua              Delta 7920-10L Vandenberg SLC2W Fernerkund.  22A

Gegenwärtiger Status der Raumfähren
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Orbiter                Standort     Mission            Startdatum
 
OV-102 Columbia        OPF          STS-107, Spacehab  19. Juli 2002  
OV-103 Discovery       OPF          Wartung    
OV-104 Atlantis        OPF          STS-112, ISS 9A    22. Aug. 2002  
OV-105 Endeavour       LC39A        STS-111, ISS UF-2  30. Mai  2002  

.-------------------------------------------------------------------------.
|  Jonathan McDowell                 |  phone : (617) 495-7176            |
|  Harvard-Smithsonian Center for    |                                    |
|   Astrophysics                     |                                    |
|  60 Garden St, MS6                 |                                    |
|  Cambridge MA 02138                |  inter : jcm@cfa.harvard.edu       |
|  USA                               |          jmcdowell@cfa.harvard.edu |
|                                                                         |
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