Ausgabe 509

Jonathan's Space Report                 Deutsche Übersetzung von Markus Dolensky
Nr. 509                                        18. September 2003, Cambridge, MA
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Shuttle und Raumstation
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Das Frachtschiff Progress 248 (M-48) wurde am 29. August (und nicht am 28. 
August) gestartet und koppelte am 31. August an Swesda. Progress 259 (M1-10) 
legte am 4. September vom Pirs-Modul ab und wird in der Umlaufbahn bleiben, um 
mit dem Kamerasystem an Bord Erdbeobachtung zu betreiben.

Hier eine Zusammenfassung kürzlicher Progress- und Sojus-Missionen:

ISS-Mission Raumfahrzeug                 Start      Ankopplung        Abkopplung
  9P        7K-TGM  258 (Progress M1-9)  25. Sep.   29. Sep., Swesda   1. Feb.
  5S        7K-STMA 211 (Sojus TMA-1)    30. Okt.    1. Nov., Pirs     3. Mai
  10P       7K-TGM  247 (Progress M-47)   2. Feb.    4. Feb., Swesda  27. Aug.
  6S        7K-STMA 212 (Sojus TMA-2)    26. Apr.   28. Apr., Sarja    -
  11P       7K-TGM  259 (Progress M1-10)  8. Juni   11. Juni, Pirs     4. Sep.
  12P       7K-TG   248 (Progress M-48)  29. Aug.   31. Aug., Swesda   -

Es wird darauf hingewiesen, dass es ein häufiger, schlimmer Solözismus der NASA-
Stelle für Öffentlichkeitsarbeit ist, Mission 12P als "Progress 12" zu bezeich-
nen, während in russischen Quellen (und die sollten es eigentlich wissen, weil 
es ihr Raumfahrzeug ist) stets Progress M-48 (Name nach dem Start) oder Progress 
248 (Fabrikationsbezeichnung 7K-TGM Nr. 248) verwendet wird. "Progress 12" 
sollte AUSSCHLIESSLICH in Zusammenhang mit der im Januar 1981 gestarteten 
Progress 7K-TG Nr. 113 verwendet werden. "Progress 12P" wäre (beinahe) akzep-
tabel, aber "Progress Flug 12P" würde klarer hervorheben, dass es sich um die 
ISS-Missionsnummer und nicht um den Namen des Raumfahrzeugs handelt. Ähnliches 
gilt für die Sojus-Missionen.

Die NASA gab einen vorläufigen Plan für die Wiederaufnahme der Raumfährenflüge 
bekannt. Es folgen die wichtigsten Elemente. (Hinweis: Die untenstehenden Punkte 
beziehen sich, dem Fokus des JSR entsprechend, auf die Hardware. Das soll nicht 
heißen, dass ich sie für ebenso wichtig halte wie die Änderung von Verfahren und 
im Management.)

Es werden Methoden zur Inspektion des Hitzeschildes während der Annäherung an 
die ISS entwickelt. Sollte eine Reparatur erforderlich werden, dann würde 
Atlantis zunächst ankoppeln, sich mit dem Roboterarm an der ISS fixieren, bei 
bestehender Verbindung mit dem Roboterarm wieder ablegen und sich so drehen, 
dass der entsprechende Bereich der Raumfähre den Raumfahrern leicht zugänglich 
ist, wenn sie am Stationsarm den Reparatureinsatz durchführen.

Im September werden die Kontrollen und Tests der Hitzeschildkacheln aus RCC und 
an der Nasenkappe von Atlantis abgeschlossen und diese wieder am Orbiter befes-
tigt.

Im November 2003 wird der Externe Tank (ET) für STS-114 mit den Modifikationen 
an der zweibeinigen Verbindungsstrebe und in einigen anderen Bereichen, an denen 
sich Schaumstoff ablösen könnte, angeliefert.

Gegen November werden auf den Plattformen 39A und 39B jene Stellen, an denen die 
Zinkgrundierung freiliegt, neu beschichtet werden (sie wurde an den Starttürmen 
ausgewaschen und beschädigte die Kacheln aus RCC).

Im Dezember wird die NASA auf dem neuen ET eine Kamera anbringen, die während 
des Aufstiegs Fotos von den Verbindungsstreben und der Unterseite von Atlantis 
übertragen wird. Eine weitere Kamera wird auf der Nasenverkleidung jeder SRB 
befestigt sein. (Bei STS-115 werden zudem Kameras weiter unten an jeder der SRBs 
installiert sein, die eine bessere Sicht auf den Orbiter gestatten werden.)

Im Dezember werden Verfolgungskameras am Boden überholt und im März zusätzliche 
Kameras beschafft werden.

Im Januar werden neu konstruierte ET/SRB-Trennbolzenfänger eingebaut.

Anfang 2004 wird ein Verlängerungsmast mit einem Lasersensorpaket für den Robo-
terarm fertig werden. Er könnte von Atlantis zur Eigeninspektion in der Umlauf-
bahn eingesetzt werden.

Ein Reparatursatz für Kacheln wird Anfang 2004 geliefert. Es steht noch nicht 
fest, wann ein RCC-Reparaturverfahren zur Verfügung stehen wird.

Die Umbauten zur Aufnahme von Kameras im Anschlussschacht des Orbiters werden 
bei STS-114 noch nicht abgeschlossen sein. Die Astronauten werden tragbare 
Kameras zum Ablichten des ET verwenden und die Bilder zur Erde übermitteln.

Im Februar soll Atlantis mit dem ET und den SRBs verbunden und zur Startrampe 
geschoben werden. Der Start von Atlantis ist derzeit für den 11. März 2004 ge-
plant. Dieses Planungsdatum wurde jedoch vom Kongress als viel zu optimistisch 
kritisiert und wird wahrscheinlich in naher Zukunft geändert werden.

Rezension
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Das ist ein Leserhinweis auf das ausgezeichnete Buch von Abramov und Skoog 
(Springer-Praxis, 2003) über "russische Raumanzüge". Dies ist eines jener 
seltenen Bücher, das mit seinen ausführlichen Tabellen, in denen die Serien-
nummern jedes bei den Raumausstiegen getragenen Raumanzugs angegeben werden, 
fast so obsessiv ist wie der JSR. Mit sorgfältiger Typografie werden technische 
Fachbegriffe sowohl auf Kyrillisch als auch in englischer Transliteration ange-
führt. (Es wäre schön gewesen, wenn eine Tabelle mit dem Datum der Außerdienst-
stellung jedes Raumanzugs eingefügt worden wäre.)

JAXA
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Japan reorganisiert seine Raumfahrtaktivitäten, indem es drei Agenturen ver-
einigt. Das frühe japanische Programm für Höhenforschungsraketen und Satelliten 
wurde von einer Gruppe der Universität Tokio abgewickelt, die sich 1964 zu ISAS 
formierte, dem Institut für Luft- und Raumfahrtwissenschaften. 1981 wurde es 
unabhängig von der Universität und in Institut für Raumfahrt und astronautische 
Forschung umbenannt. Auf Japanisch heißt ISAS Uchu Kagaku Kenkyujo (in etwa For-
schungsinstitut für Raumfahrtwissenschaften). ISAS entwickelte die Trägerraketen 
Lambda, Mu und M-V sowie die japanischen Forschungssatelliten und Planeten-
sonden. Japanische Anwendungssatelliten wurden von NASDA, der nationalen Raum-
fahrtentwicklungsagentur (Uchu Kaihatsu Jigyodan, Raumfahrtwicklungsagentur) 
entworfen, die aus der STA (Weltraum- und Technologieagentur) hervorging. NASDA 
wurde 1964 als NSDC (nationales Raumfahrt- und Entwicklungszentrum) gegründet 
und 1969 umbenannt. Sie entwickelte die Trägerraketen N-1, H-1, H-2 und H-2A 
sowie Satelliten wie ETS/Kiku, GMS/Himawari und ADEOS/Midori. Eine dritte Agen-
tur, das nationale Luft- und Raumfahrtlabor (NAL oder Kohkuh Uchu Gijutsu 
Kenkyujo - Institut für Ingenieurswesen der Luft- und Raumfahrt) nahm an der 
Entwicklung von Raumgleitern teil. Am 1. Oktober 2003 werden die drei Agenturen 
zur neuen japanischen Explorationsagentur für Luft- und Raumfahrt (JAXA) vereint 
werden, die auf Japanisch als Uchu Kohkuh Kenkyu Kaihatsu Kikou (in etwa Ent-
wicklungsorganisation für Luft- und Raumfahrtforschung) bekannt ist. [Dank an 
Mihoko Yukita für die Hilfe bei der Übersetzung.]

Kürzliche Starts
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Eine Trägerrakete vom Typ Lockheed Martin Titan 4B/Centaur der US-Luftwaffe mit 
einer 26-Meter-Nutzlastverkleidung wurde am 9. September gestartet. Die Titan B-
36 hob von Komplex 40 auf Cape Canaveral ab. Die beiden SRMU-Starthilfsraketen 
und die zwei Hauptstufen der Titan zündeten und trennten sich daraufhin auf sub-
orbitalen Flugbahnen ab. Die Oberstufe Centaur TC-20 erreichte nach ihrer ersten 
Zündung eine Parkbahn. Sie dürfte mit zwei weiteren Manövern ihre Funkauf-
klärungsnutzlast des US-Nachrichtendienstes auf eine geostationäre Umlaufbahn 
befördert haben. In Übereinstimmung mit anderen Analysten spekuliere ich, dass 
die Nutzlast ein Nachfolger der Satelliten USA 110 und USA 139 ist, welche im 
Mai 1995 und Mai 1998 gestartet wurden und von jenen unter uns, die den wirk-
lichen Namen nicht kennen, als "Advanced ORION" bezeichnet wird. Diese Satelli-
ten werden ihrerseits für Nachfolger der RHYOLITE-Missionen der siebziger Jahre 
gehalten.

Starts des Programms RHYOLITE von NRO/CIA und dessen Nachfolger (der "Codename" 
basiert auf öffentlichen Mutmaßungen, vornehmlich von Jeffrey Richelson und un-
dichten Stellen sowie den amtlichen Informationen, die im Zuge des Spionagever-
fahrens gegen Boyce bekannt wurden):

Start  offiz. Name      Deckname     Startdatum       Trägerrakete

1      AFP-720          RHYOLITE     19. Juni 1970    Atlas Agena D 5201A    
2      AFP-720          RHYOLITE      6. März 1973    Atlas Agena D 5202A
3      AFP-472          AQUACADE     11. Dez. 1977    Atlas Agena D 5504A
4      APF-472          AQUACADE      8. Apr. 1978    Atlas Agena D 5505A
5      USA 8            MAGNUM       24. Jan. 1985    STS-20(51-C)/IUS-11
6      USA 48           ORION        23. Nov. 1989    STS-33R/IUS-5
7      USA 110          ?            14. Mai  1995    Titan Centaur TC-17
8      USA 139          ?             9. Mai  1998    Titan Centaur TC-18
9      USA 171?         ?             9. Sep. 2003    Titan Centaur TC-20

Das war der letzte Start einer Titan Centaur. Die Stufe TC-20 setzte, so wie 
alle Titan 4/Centaur, zwei Triebwerke des Baumusters RL10A-3-3A ein. Einzige 
Ausnahme war TC-23 im April 2003, von der angenommen wird, dass zwei Triebwerke 
der Marke RL-10A-4-1A eingesetzt wurden. Diese Rakete war ursprünglich für einen 
Funkaufklärungssatelliten mit einer elliptischen Bahn vorgesehen, tauschte je-
doch mit einem Milstar, wobei der geheime Satellit vermutlich einer EELV zuge-
wiesen wurde. Die Titan Centaur wurde 23 Mal eingesetzt. TC-1 bis TC-7 waren 
zivile Missionen mit der Variante Titan 3E (23E) und dem Model D-1T der Centaur, 
während TC-8 bis TC-23 militärische Einsätze der Titan 4 und der Centaur mit 
großem Durchmesser waren (TC-21 wurde allerdings beim Start von Cassini-Huygens 
der NASA/ESA verwendet).

Der am 14. Dezember 2002 gestartete Satellit Micro-LabSat der NASDA setzte, im 
Zuge eines Experiments zur Erprobung einer Überwachungskamera für Inspektions-
satelliten, zwei kleine Subsatelliten ab. Die Ziele für RITE (Remote Inspection 
Technology Experiment) sind Scheiben mit circa 0,1 m Durchmesser. Sie wurden von 
Mikro-LabSat am 14. Mai 2003 um 0140 UTC und um 0150 UTC freigesetzt. Die Ziel-
objekte wurden von Space Command der US-Luftwaffe nicht katalogisiert.

Die Raumsonde Cassini machte am 10. September 2000 UTC auf dem Weg zum Saturn 
eine Kurskorrektur mit einer Geschwindigkeitsänderung von 0,12 m/s. Zu diesem 
Zeitpunkt war Cassini 1284 Millionen km von der Sonne entfernt auf einer Bahn 
von 1,4462 AU x 9,2769 AU mit einer Neigung von 0,81° zur Ekliptikebene (Anmer-
kung: 1 AU = 149,60 Millionen km) und die Korrektur änderte die Bahn um etwa 10 
Teile pro Million. Am 14. September war Cassini 137 Millionen km von Saturn ent-
fernt. Saturns nominaler gravitativer Einflussbereich hat einen Radius von 55 
Millionen km und Cassini wird diesen Bereich am 10. März 2004 erreichen. Die 
Raumsonde wird am 11. Juni 2004 den Saturnmond Phoebe in einem Abstand von 2000 
km passieren.


Tabelle kürzlich erfolgter Starts
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Datum  UT     Name             Trägerrakete     Startgelände      Aufgabe   I.D.

 8 Aug 0331   Echostar 9       Zenit-3SL        Odyssey, POR      Komm.      34A
12 Aug 1420   Kosmos 2399      Sojus-U          Baikonur LC31/6   Erdbeob.   35A
13 Aug 0209   Scisat-1         Pegasus XL       Vandenberg RW30/12 Forschung 36A
19 Aug 1050   Kosmos 2400 )    Kosmos-3M        Plessezk LC132/1  Komm.      37A
              Kosmos 2401 )                                                  37B
25 Aug 0535   SIRTF            Delta 7920H      Canaveral SLC17B  Astronomie 38A
29 Aug 0148   Progress M-48    Sojus-U          Baikonur          Fracht     39A
29 Aug 2313   DSCS III B-6     Delta IVM        Canaveral SLC37B  Komm.      40A
 9 Sep 0429   USA 171          Titan 4B/Centaur Canaveral SLC40   Funkaufkl. 41A

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|  Jonathan McDowell                 |  phone : (617) 495-7176            |
|  1 Fitchburg St C-205              |                                    |
|  Somerville MA 02143               |                                    |
|    and                             |                                    |
|  Center for Astrophysics,          |                                    |
|  60 Garden St, MS6                 |                                    |
|  Cambridge MA 02138                |  inter : jcm@host.planet4589.org   |
|  USA                               |          jmcdowell@cfa.harvard.edu |
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