Ausgabe 528

Jonathan's Space Report                 Deutsche Übersetzung von Markus Dolensky
Nr. 528                                            18. Juni 2004, Somerville, MA
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Die Raumsonde Cassini trat am 9. März in das Schwerkraftfeld des Saturn ein. Es 
handelt sich dabei um die Laplacesche Sphäre von 54,8 Millionen Kilometern. Der 
Hill-Raum wurde am 16. Dezember in 94,4 Millionen Kilometer Abstand erreicht, 
während die Äquigravisphäre (konstantes gravitatives Kraftverhältnis) in 23 
Millionen Kilometer Entfernung erst am 18. Mai erreicht wurde. Letztere lässt 
die Effekte der orbitalen Beschleunigung Saturns unberücksichtigt und der 
Laplacesche Bereich ist somit ausschlaggebend dafür, ob Cassinis Bahn um den 
Saturn oder um die Sonne verläuft. Am 8. März 2004 näherte sich Cassini auf 
einer heliozentrischen Bahn von 1,40 x 9,28 AU x 0,7° dem Saturnsystem. (Wie 
üblich sind die Bahnparameter in der Form Periapsis - geringste Entfernung - "x" 
Apoapsis - größter Abstand - "x" Neigungswinkel zwischen Bahnebene und 
Bezugsebene angegeben, wobei die Bezugsebene in diesem Fall die Ekliptik ist. 
Die Astronomische Einheit ist 1 AU = 149,6 Millionen Kilometer.) Am 10. März war 
die Raumsonde auf einem oskulierenden hyperbolischen Saturnorbit von -24450 x 
unendlich km und damit nominell auf Kollisionskurs. Der fortgesetzte 
Schwerkrafteinfluss der Sonne hob die Periapsis (oder besonders hochgestochen 
ausgedrückt, die perikrone Höhe) am 4. Mai über null an. Bis zum 11. Juni 
veränderte sich die Bahn auf +18093 x unendlich km mit einer Neigung von 17,3° 
gegen den Äquator Saturns, mit einer leicht hyperbolischen Exzentrizität von 
1,06 und einem Abstand zum Saturn von 11,7 Millionen Kilometer.

Cassini passierte am 11. Juni 1933 UTC den Mond Phoebe (Saturn IX) in 2068 km 
Entfernung. Der Einschuss in die Saturnbahn ist für den 1. Juli von 0112 bis 
0248 UTC geplant, wobei Cassini auf einen Orbit von 19980 x 10000000 km x 16,8° 
gelangen wird, der am 1. Juli um 0930 UTC in 339000 km Abstand an Titan (Saturn 
VI) vorbeiführen wird.

  Ungefähre heliozentrische Bahnen, die zeigen wie Cassinis Swing-bys
  den Anflug auf Saturn einleiteten:
  
  Erde    0,97 x  1,01 AU x 0,00° (März 2004)
  Saturn  9,03 x 10,09 AU x 2,49° (März 2004)

  Cassini 0,67 x  1,01 AU x 1,24° (Jan. 1998) nach dem Start
  Cassini 0,73 x  1,58 AU x 3,51° (Aug. 1998) nach Venus 1
  Cassini 0,72 x  2,60 AU x 1,14° (Juli 1999) nach Venus 2
  Cassini 0,86 x  7,16 AU x 0,71° (Okt. 1999) nach Vorbeiflug an Erde
  Cassini 1,40 x  9,28 AU x 0,70° (März 2004) nach Vorbeiflug an Jupiter

Venustransit: Zum ersten Mal seit 1882 fand am 8. Juni ein von der Erde aus 
sichtbarer Venustransit vor der Sonne statt. Mehrere hundert Besucher stellten 
sich hier in Harvard um 5 Uhr morgens an und warteten geduldig darauf, dass die 
Sonne am trüben Horizont aufging. Jene, die weit genug vorne in der 
Warteschlange waren, um einen Blick zu erhaschen, bevor es sich um 6:30 Uhr 
bewölkte, wurden mit einem klaren Blick durch das Okular belohnt, der die 
Scheibe der Venus als einen vollkommenen schwarzen Kreis vor der Sonne zeigte. 
Für sich genommen war es kein spektakulärer Anblick, aber für jene, die vertraut 
sind mit der Mühsal früherer Generationen von Astronomen, die die 
vorangegangenen Transits 1639, 1761, 1769, 1874 und 1882 beobachteten - oder 
aufgrund von Bewölkung eben auch nicht - war die emotionale Verbindung zum 
Anbruch quantitativer Wissenschaft schlichtweg überwältigend. Insbesondere die 
Expeditionen 1761/69 scheinen mir das Äquivalent des 18. Jahrhunderts zu Projekt 
Apollo gewesen zu sein. Die Anstrengungen von Persönlichkeiten wie Legentil, 
Kapitän Cook, sowie Mason und Dixon erinnern uns an die Zeit, als das 
Durchführen wissenschaftlicher Beobachtungen von damals (für Europäer) 
abgelegenen Gebieten des Planeten aus, so schwierig war, wie heutzutage das 
Landen von Rovern auf dem Mars. Beobachtungen des Transits dienten zur 
Bestimmung der Distanz zwischen Erde und Sonne und lieferten den fundamentalen 
Maßstab des Kosmos. Sollten Sie diese Woche den Transit verpasst haben, dann 
merken Sie sich den Nächsten im Jahre 2012 im Kalender vor - danach dauert es 
wieder bis zum Jahr 2117.

Die russischen Weltraumtruppen haben Kosmos 2405 in Molnija-1T umbenannt. 
Außerdem wurde Kosmos 2406 in Raduga-1 umgetauft. Der am 28. Mai gestartete 
Satellit US-PU erhielt die Bezeichnung Kosmos 2405 und nicht Kosmos 2407, wie in 
der letzten Ausgabe berichtet. Die neuen Namen stehen im Einklang mit der 
bisherigen russischen Praxis. Demnach scheint es sich bei den alten Zuweisungen 
von Kosmos 2405/2406 lediglich um einen verwaltungstechnischen Fehler zu 
handeln.

Das US-Weltraumkommando mischt ebenfalls beim Verwirrspiel der Bezeichnungen 
mit. Es gibt jetzt zwei Trümmerteile mit der Kennung 1968-097CQ (SSN 05279 und 
SSN 05515) und zwei Objekte mit der Identifikation 1968-097CY (SSN 05432 und SSN 
05632). In jedem der beiden Fälle hatte ein Objekt zuvor eine Bezeichnung aus 
der Gruppe 1970-089. Von den beiden Starts 1968-097 und 1970-089 gibt es viele 
Bruchstücke auf ähnlichen Umlaufbahnen, die von Waffentests mit Anti-Satelliten 
herrühren. Die Logik hinter den neuen doppelten Bezeichnungen leuchtet mir nicht 
ein.

Ein elektronischer Überwachungssatellit der Reihe Zelina-2 wurde am 10. Juni für 
das russische Verteidigungsministerium gestartet und erhielt den Namen Kosmos 
2406. Trägerrakete war eine Juschnoje Zenit-2 und der Satellit gelangte auf eine 
für die Serie typische Umlaufbahn von 846 x 865 km x 71,0°.

Der Fernmeldesatellit Intelsat-10-02 der Baureihe Eurostar 3000 von EADS Astrium 
mit 5575 kg wurde am 16. Juni mittels Proton-M und Bris-M-Oberstufe gestartet. 
Das war der vierte Satellitenstart von Baikonur in nicht einmal einem Monat. 
Nach den ersten drei Zündungen der Bris, die auf Umlaufbahnen von 173 x 173 km x 
51,5°, 258 x 5000 km x 50,3° und 309 x 12967 km x 49,7° führten, wurde der 
Torustank abgeworfen. Das vierte Bahnmanöver am 17. Juni um 0214 UTC resultierte 
in einer geostationären Transferbahn von 414 x 35849 km x 49,0°. Die 
abschließende Zündung hob das Perigäum und verminderte die Inklination, bevor 
Intelsat 10-02 auf einer Bahn von 4184 x 35804 km x 23,7° ausgesetzt wurde. Im 
Gegensatz zu anderen Starts in letzter Zeit, bei denen es in große Höhen ging, 
wurden alle drei erwarteten Objekte - Intelsat, Bris und der Torustank - von 
Space Command prompt katalogisiert.


Tabelle kürzlich erfolgter Starts
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Datum  UT     Name              Trägerrakete    Startgelände      Aufgabe   I.D.

 4 Mai 1242   DirecTV-7S        Zenit-3SL       Odyssey, Pazifik  Komm.      16A 
19 Mai 2222   AMC-11            Atlas IIAS      Canaveral SLC36B  Komm.      17A
20 Mai 1747   ROCSAT-2          Taurus          Vandenberg 576-E  Erdbeob.   18A
25 Mai 1234   Progress M-49     Sojus-U         Baikonur LC1      Fracht     19A
28 Mai 0600   Kosmos 2405       Zyklon -2       Baikonur LC90/20  Funkaufkl. 20A
10 Jun 0128   Kosmos 2406       Zenit-2         Baikonur LC45     Funkaufkl. 21A
16 Jun 2227   Intelsat 10-02    Proton-M/Bris-M Baikonur LC200/39 Komm.      22A

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