Ausgabe 532

Jonathan's Space Report                 Deutsche Übersetzung von Markus Dolensky
Nr. 532                                           9. August 2004, Somerville, MA
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Internationale Raumstation
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Das Frachtschiff Progress M-49, das seit dem 27. Mai an die Raumstation ge-
koppelt war, legte am 30. Juli 0605 UTC ab und führte um 1039 UTC das Retro-
manöver durch, das zum Wiedereintritt über dem Pazifik führte, welcher um 1114 
UTC begann. Progress M-50 wird auf den Start vorbereitet, um neuen Nachschub zur 
Station zu bringen. Die Astronauten Padalka und Fincke machten am 3. August in 
den Raumanzügen Orlan-M 25 und 26 einen Außenbordeinsatz, bei dem sie Ausrüstung 
für Rendezvous- und Kopplungsmanöver mit dem europäischen Automated Transfer 
Vehicle (ATV) anbrachten, das nächstes Jahr starten soll. Die Luftschleuse von 
Pirs wurde um 0642 UTC dekomprimiert und dessen Luke um 0658 UTC geöffnet. Die 
Astronauten kehrten zwischen 1116 und 1120 UTC zur Luftschleuse zurück und 
schlossen die Luke um 1128 UTC. Pirs wurde um 1129 UTC wieder unter Druck ge-
setzt. Die durch die Außenbordtätigkeit verursachten Drehmomente der Station 
(oder Jim Oberg zufolge, das Ausgasen der Sublimatoren an den Raumanzügen) 
reichten aus, die Kapazität der CMG-Gyroskope des Moduls Z1 zu saturieren und so 
mussten die Düsen zur Neuorientierung der Station eingesetzt werden. Der Raum-
ausstieg dauerte 4 h 48 min (von Komprimierung bis Dekomprimierung auf 50 mbar) 
oder 4 h 30 min (Luke auf/zu). Wie üblich gilt Andrej Krasilnikow der Dank für 
die Details des EVA.

Hubble
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Eines der primären Forschungsinstrumente des Hubble Weltraumteleskops (HST) ist 
am 3. August ausgefallen. Ein Transformator im Hauptschaltkasten des Spektrogra-
fen STIS, dem einzigen Instrument HSTs das Spektren aufnehmen kann, war durchge-
brannt und setzte das Gerät dauerhaft außer Betrieb. Dies ist ein schwerer 
Schlag für die Astronomen, da Spektren erforderlich sind, um die chemische Zu-
sammensetzung und den physikalischen Zustand der Forschungsobjekte Hubbles zu 
untersuchen, sowie die Rotverschiebung von Galaxien und die Geschwindigkeit von 
Gasen um schwarze Löcher zu messen - alles Forschungsziele, bei denen Bild-
kameras nicht helfen können. Die Fähigkeiten von STIS im ultravioletten Bereich 
sind einzigartig - da UV-Licht aus dem Weltraum bodengestützte Teleskope nicht 
erreicht - womit den Astronomen die Möglichkeit genommen ist, die wichtigen 
spektralen ultravioletten Fingerabdrücke von ionisiertem Wasserstoff und Kohlen-
stoff zu bestimmen, die beim Studium von Quasaren und der Atmosphäre heißer 
Sterne entscheidend sind. Hubbles scharfes Abbildungsvermögen half STIS, indem 
es erlaubte, Spektren von sehr kleiner Regionen - wie das Zentrum von Galaxien - 
inmitten größerer Lichtquellen zu gewinnen, was der Schlüssel zum Auffinden 
massiver schwarzer Löcher im Zentrum von Galaxien ist. STIS wurde Hubble bei der 
zweiten Wartungsmission im Februar 1997 eingebaut und ersetzte zwei frühere Ins-
trumente, den Faint Object Spectrograph und den Goddard High Resolution Spectro-
graph. Sein Nachfolger, der Cosmic Origins Spectrograph (COS) steht zum Start 
bereit, der aber auf unbestimmte Zeit verschoben wurde, da die Raumtransporter 
nach dem Columbia-Unglück Hubble nicht mehr ansteuern dürfen.

Discovery-Programm der NASA
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Am 3. August wurde die Raumsonde MESSENGER zum Merkur gestartet. Die Boeing 
Delta 7925H stieg von Cape Canaveral aus in eine Parkbahn auf. Mit der zweiten 
Zündung der zweiten Stufe wurde die Bahn angehoben, woraufhin der Feststoffmotor 
PAM-D die Raumsonde auf eine Entweichbahn brachte. MESSENGER wird am 4. August 
0600 UTC die Mondbahn passieren und am 5. August um etwa 1800 UTC die Einfluss-
sphäre der Erde verlassen. Sie wird auf eine heliozentrische Bahn von 0,92 x 
1,08 AU x 6,4 Grad einschwenken, wobei das Perihelium um 0,0013 AU (200000 km) 
größer sein wird als geplant, da die dritte Stufe die angepeilte Geschwindigkeit 
um 15 m/s unterschritt. MESSENGER (Mercury Surface, Space Environment, 
Geochemistry and Ranging) wird am 1. August 2005 an der Erde vorbeifliegen, 2006 
und 2007 die Venus passieren und im Januar 2008, Oktober 2008, September 2009 
und März 2011 auf Merkur treffen. Beim vierten Anflug auf Merkur wird Messenger 
sein Triebwerk vom Typ Aerojet 660N zünden, um auf eine Umlaufbahn von 200 x 
15193 km x 80° um den innersten Planeten zu gelangen.

Proton-Start
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International Launch Services startete am 4. August den Fernmeldesatelliten 
Amazonas 1 mit der Chrunitschew Proton-M Nr. 53507 samt Oberstufe Bris-M Nr. 
88510. Amazonas ist ein von Astrium gebauter Eurostar-3000, das von der bra-
silianischen Tochtergesellschaft Hispamar für die spanische Konzernmutter 
Hispasat betrieben werden wird. Die Bris-Oberstufe beförderte Amazonas auf eine 
Transferbahn von 3142 x 35789 km x 9,1°.
 
Verschiedene Sonden
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Die im September 2003 auf eine geostationäre Transferbahn gestartete und mit 
einem Ionentriebwerk ausgestattete europäische Mondsonde SMART-1 erreichte bis 
zum 12. Juli eine Umlaufbahn von 22361 x 155133 km x 6,9° und verbrauchte dafür 
ungefähr 41 kg des Treibstoffs Xenon.

Die Endstufe der chinesisch/europäischen Sonde Double Star 2 (Tan Ce 2) wurde 
bislang nicht aufgespürt. Tan Ce 2 befindet sich auf einer polaren Umlaufbahn 
von 654 x 38573 km x 90,0° mit einem Apogäum über dem nördlichen Polarkreis. 

Historische Notiz: Astrofisika
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Die neueste Ausgabe der russischen Zeitschrift Nowosti Kosmonawtiki (NK) enthält 
in einem interessanten Artikel zur Geschichte des Wettersatellitensystems Meteor 
erstmals Details über den im Dezember 1978 gestarteten geheimnisvollen Sa-
telliten Kosmos 1066. Igor Lissow und Sergej Wojewodin identifizierten Kosmos 
1066 auf der FPSPACE-Liste 1997 als Decknamen für das Raumfahrzeug Nummer 11F653 
"Astrofisika", der Verwendungszweck blieb jedoch weiterhin unklar. Der Name 
Astrofisika deutete auf eine mögliche astrophysikalische Nutzlast hin, es wurden 
aber keine wissenschaftlichen Resultate veröffentlicht. Im neuen NK-Artikel wird 
Juri Trifonow, Direktor des Konstruktionsbüros der Meteor-Satelliten VNII 
Elektromechaniki, zitiert, wonach Kosmos 1066 auf Meteor-1 basierte und mit spe-
ziellen optischen Instrumenten für die Beobachtung künstlicher "Lichtquellen" 
auf der Erde ausgestattet war. Das Raumfahrzeug war wie die Meteor-Priroda mit 
einem elektrischen Antrieb des Fabrikats SPD-50 ausgerüstet, womit es seine Bahn 
so justieren konnte, dass es die Versuchsgelände überflog. Man nimmt an, dass 
der Satellit Astrofisika fast zwei Jahre lang betrieben wurde.

NK spekuliert, dass die Experimente von militärischer Natur gewesen sein könnten 
und mir fällt auf, dass die Organisation für die Entwicklung von gerichteten 
Energiewaffen NPO Astrofisika hieß. Möglicherweise maß der Satellit die Signal-
stärke eines experimentellen Lasers der Anlage Terra-3, um Ausbreitungsverluste 
zukünftiger Strahlenwaffen zu studieren, oder etwas in der Art - jenen, die 
gerne etwas übertreiben, sei ausdrücklich gesagt, dass ich keine richtige 
Strahlenwaffe meine, die beträchtliche Energie auf das Ziel richtet, sondern 
lediglich einen frisierten Laser zur Verfolgung von Satelliten.


Tabelle kürzlich erfolgter Starts
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Datum  UT     Name              Trägerrakete    Startgelände      Aufgabe   I.D.

15 Jul 1002   Aura              Delta 7920      Vandenberg SLC2W  Forschung  26A
18 Jul 0044   Anik F2           Ariane 5G+      Kourou ELA3       Komm.      27A
22 Jul 1746   Kosmos 2407       Kosmos-3M       Plessezk LC132    Navigation 28A
25 Jul 0705   Tan Ce 2          CZ-2C/SM        Taiyuan           Forschung  29A
 3 Aug 0616   MESSENGER         Delta 7925H     Canaveral SLC17B  Sonde      30A
 4 Aug 2232   Amazonas          Proton-M/Bris-M Baikonur LC200/39 Komm.      31A

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