Ausgabe 533

Jonathan's Space Report                 Deutsche Übersetzung von Markus Dolensky
Nr. 533                                          27. August 2004, Somerville, MA
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Internationale Raumstation
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Russland startete am 11. August das automatische Versorgungsschiff Progress 
M-50 (Raumfahrzeug Nr. 350). Es koppelte am 14. August um 0501 UTC an Swesda 
und brachte der Langzeitbesatzung 9 Nachschub. Für nächste Woche steht wieder 
ein Außenbordeinsatz auf dem Programm.

Scout und Blue Scout Jr.
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Da dies ein sehr ruhiger Monat gewesen ist was Starts anbelangt, wurde diese 
kurze Ausgabe mit einem Beitrag über meine Nachforschungen zu einem meiner 
Lieblingsthemen ergänzt, nämlich der Trägerrakete Scout. Das wird für 
ungefähr fünf meiner Leser von besonderem Interesse sein, Ihr wisst schon, 
wen ich meine. Die vierstufige Feststoffrakete Scout wurde von der NASA 
entwickelt und war von 1960 bis 1990 die US-Standardträgerrakete für kleine 
Nutzlasten. Sie wurde zuletzt 1994 eingesetzt. Viele der frühen bekannten 
wissenschaftlichen Satelliten - San Marco, Uhuru, Ariel 5, ESRO 2 usw. - 
wurden mit der Scout gestartet.

Die Standard-Scout setzte als Erststufe einen Algol-Feststoffmotor ein, hatte 
eine Castor-Zweitstufe, eine Antares-Drittstufe und eine Altair-Endstufe. Für 
einige Rückkehrmissionen hatte sie eine fünfte Stufe des Typs NOTS-100B 
Cetus. Castor war eine verbesserte Version der Sergeant-Rakete, während die 
frühen Versionen der Altair von der Drittstufe der letzten Vanguard-Rakete 
übernommen wurden. Antares war eine speziell für die Scout entwickelte 
vergrößerte Version der Altair, während Algol ebenfalls ein vergrößerter 
Motor mit 1,02 m Durchmesser war, der für die Scout entwickelt wurde. Spätere 
Versionen der Scout (ab D) setzten den größeren Motor Algol-III mit 1,14 m 
Durchmesser ein. Bei der Scout ist unter anderem interessant, dass sie sowohl 
für orbitale Missionen, als auch für einige suborbitale Sonden- und 
Wiedereintrittstests verwendet wurde, wovon viele orbitale Bahnenergien 
erreichten - die Missionen der Scout dominieren die Liste suborbitaler Flüge, 
die nahe an einer Umlaufbahn waren, was ich in exakter Form in einem 
zukünftigen Artikel erklären werde.

Weniger gut dokumentiert ist die verwandte Blue Scout der US-Luftwaffe. Es 
gab mehrere Versionen dieser Rakete. Manchmal werden die fünf von der 
Luftwaffe finanzierten und von der NASA gestarteten Scouts (Variante X-2M und 
Abwandlungen), die 1962 - 63 geheime NRO-Wettersatelliten von Vandenberg aus 
starteten, Blue Scout genannt, was viel Verwirrung stiftet. Richtig hingegen 
ist, dass sich Blue Scout auf eine eingenständig betriebene Trägerrakete der 
Luftwaffe bezieht. Die Blue Scout I und II waren nahezu identisch mit der 
Scout X-1 der NASA, einmal davon abgesehen, dass bei der Blue Scout I die 
vierte Stufe weggelassen wurde. 1961 - 62 wurden sechs Stück davon gestartet, 
bevor entschieden wurde, dass sie nicht viel taugten. 

  Von der NASA für die US-Luftwaffe ausgeführte Starts der Scout
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  Datum         SNr.  Type                  Stufen

  24. Mai  1962 S-112 X-2M  Scout der USAF  Algol/Castor/Antares/MG-18
  23. Aug. 1962 S-117 X-2M  Scout der USAF  Algol/Castor/Antares/MG-18
  19. Feb. 1963 S-126 X-3M  zugekauft       Algol/Castor/Antares 2/MG-18
  26. Apr. 1963 S-121 X-2M  Scout der USAF  Algol/Castor/Antares/MG-18
  27. Sep. 1963 S-132 X-2B  zugekauft       Algol/Castor/Antares 2/Altair 2

Anmerkung: Die USAF kaufte vier Scouts der Variante X-2M direkt vom 
Hersteller (S112, S117, S121 und eine weitere, deren Einzelstufen für andere 
Missionen verwendet wurden. Später kaufte die USAF die Trägerfahrzeuge S126 
und S132 aus dem Scout-Programm der NASA).

  Starts der Blue Scout I und II
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  Datum         SNr. Type  Mission

   7. Jan. 1961 D-3  BS-I  suborbitale Nutzlast
   3. März 1961 D-4  BS-II suborbitale Nutzlast
  12. Apr. 1961 D-5  BS-II suborbitale Nutzlast
   9. Mai  1961 D-6  BS-I  suborbitale Nutzlast
   1. Nov. 1961 D-8  BS-II Mercury-Bahnverfolgungssatellit, versagte im Orbit
  12. Apr. 1962 D-7  BS-I  Wiedereintrittstest

Interessanter ist die Blue Scout Junior (kurz BSJr), über die ich etwas Neues 
herausgefunden habe. Das Standardwerk über die BSJr ist Joel Powells Artikel 
im Journal der Britischen Interplanetaren Gesellschaft (35, 22, 1982). Hallo, 
Joel! Darin steht, dass die BSJr (SLV-1B) eine Erststufe des Typs Castor, 
eine Antares-Zweitstufe, eine Alcor-Drittstufe und eine vierte Stufe vom Typ 
Cetus hatte (also ungefähr so wie eine fünfstufige Scout für 
Rückkehrmissionen, bei der die große Erststufe fehlt und die Altair durch die 
Alcor ersetzt ist). Es gab aber noch mindestens zwei weitere Varianten - eine 
modifizierte SLV-1B für suborbitale Ionenantriebstests und die SLV-1C für das 
Projekt Beanstalk, das raketenbasierte Notkommunikationssystem, eine 
ausgefallene Idee, die darin bestand, Kommunikationsnutzlasten auf hohe 
suborbitale Flugbahnen zu befördern, damit das Pentagon den Mannschaften in 
den Raketensilos auch dann noch den Befehl zum Kernwaffeneinsatz gegen die 
Sowjetunion geben konnte, wenn die üblichen Kommunikationskanäle ihrerseits 
bereits durch einen sowjetischen Angriff mit Kernwaffen ausgefallen waren. 
(Ich bin ja "so" froh, dass der Kalte Krieg vorbei ist ...).

Durch Abgleichen des NASA-Dokuments (TM-X-72628) mit den freigegebenen 
Startberichten der USAF habe ich herausgefunden, dass die modifizierte SLV-
1B, die 1962 - 1964 bei drei Ionenantriebstests eingesetzt wurde, lediglich 
eine dreistufige Castor-Antares-Alcor war, also eine normale SLV-1B ohne 
Viertstufe, wohingegen das Modell SLV-1C für Beanstalk eine dreistufige 
Castor-Antares-Altair war. Das Memo der NASA belegt, dass der Etat für 
Beanstalk den Kauf von Stufen der Baureihe X-248 Altair beinhaltete. Man 
beachte, dass der von Joel zitierte Artikel in Aviation Week, wonach die SLV-
1C vom Mai 1962 eine M-18-Endstufe einsetzte, offensichtlich fehlerhaft ist - 
es gab eine Verwechslung mit dem Start einer Scout X-2M sieben Tage zuvor, 
bei dem der Feststoffmotor LPC-M-18 (MG-18) erstmals zum Einsatz kam, was ich 
schon an anderer Stelle dokumentiert habe. Es ist das erste Mal, dass ich die 
Altair im Zusammenhang mit der BSJr erwähnt fand. (Mark, Gunter usw., Ihr 
könnt jetzt eine Pause machen, um Eure enzyklopädischen Seiten zu 
korrigieren.)

Der letzte nominelle Einsatz einer BSJr erfolgte im Juni 1965 und das 
Beanstalk-System wurde 1967 zugunsten eines auf der Minuteman basierenden 
Systems außer Dienst gestellt. Zwei spätere Starts haben mir lange keine Ruhe 
gelassen: Eine "modifizierte dreistufige BSJr", die bei George Carruthers 
suborbitaler UV-Astronomie-Mission NB22.208 im November 1970 benutzt wurde 
und eine einstufige Castor-Rakete bei einem Scramjet-Entwicklungstest 1967, 
der fälschlicherweise von Technology Week (23. Januar 1967, S. 3) als Flug 
einer Blue Scout dargestellt wurde. Wie mir jetzt klar wurde, mussten vom 
Programm Beanstalk noch einige Raketen übrig gewesen sein (ein Paar sind noch 
immer ausgestellt) und ich vermute stark, dass es sich bei diesen beiden um 
umgewidmete SLV-1Cs handelte. Im Falle des Testflugs 1967 wurde nur die erste 
Stufe verwendet, aber programmatisch war sie Teil des Blue-Scout-Projektes 
und das ist, warum Technology Week sie als solche bezeichnete (in der 
offiziellen Startliste Vandenbergs heißt es "Castor/Scramjet"). Es ist ein 
seltsamer Zufall, das der Scramjet X-43 als Erststufe die Pegasus verwendet, 
die der Scout nachfolgte.

Das größte verbleibende Rätsel des BSJr-Programms ist die Mission O-1 im 
Jahre 1961, von der verschiedene Quellen behaupten, dass sie ein Apogäum von 
104000 km bis 225000 km erreichte, der höchste suborbitale Flug überhaupt 
(wenngleich es keine eigentliche Bahnverfolgung gab, da die Telemetrie beim 
Aufstieg ausfiel). Es wäre großartig, wenn sich der Startzeitpunkt und 
irgendwelche Bahndaten dieses Rekordfluges finden ließen - vielleicht 
verstaubt ja irgendwo in einem Archiv der USAF ein Missionsbericht, der 
freigegeben werden könnte, ich habe aber keinen finden können.

  Starts der vierstufigen Blue Scout Jr. SLV-1B (Castor/Antares/Alcor/Cetus)
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  Datum          SNr.  Mission

  21. Sep. 1960  D-1   suborbitale Nutzlast
   8. Nov. 1960  D-2   suborbitale Nutzlast
  17. Aug. 1961  O-1   suborbitale Raumsonde
   4. Dez. 1961  O-2   suborbitale Raumsonde
  30. Juli 1963  22-1  suborbitale radioastronomische Nutzlast
  13. März 1964  22-2  suborbitale Nutzlast in die Magnetosphäre
  28. Jan. 1965  22-3  suborbitale Nutzlast in die Magnetosphäre
  30. März 1965  22-4  suborbitale Nutzlast in die Magnetosphäre
   9. Apr. 1965  22-9  suborbitale Nutzlast in die Magnetosphäre
  12. Mai  1965  22-8  suborbitale Nutzlast in die Magnetosphäre
   9. Juni 1965  22-5  suborbitale Nutzlast in die Magnetosphäre

  Starts der dreistufigen Blue Scout Jr. SLV-1B (Castor/Antares/Alcor)
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  21. Nov. 1962  21-1 Ionenantriebstest
  29. Aug. 1964  21-2 Ionenantriebstest
  21. Dez. 1964  21-3 Ionenantriebstest

  Starts der Blue Scout Jr. SLV-1C (Castor/Antares/Altair)
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  31. Mai  1962  102  Beanstalk 1
  24. Juli 1962  101  Beanstalk 2
  12. Nov. 1962  201  Beanstalk 3
   2. Feb. 1963  202  Beanstalk 4
  14. März 1963  203  Beanstalk 5
  17. Mai  1963  301  Beanstalk 6
  17. Dez. 1963  302  Beanstalk 7
  11. Jan. 1967  -    Scramjet-Test (nur die Erststufe)
  25. Nov. 1970  -    NB22.208 astronomischer suborbitaler Start

Astrofisika
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In der letzten Ausgabe fehlte im Beitrag über den Satelliten Astrofisika der 
Hinweis, dass der darin zitierte russische Artikel auf einer Recherche des 
belgischen Raumfahrthistorikers Bart Hendrickx beruht. Entschuldige Bart, ich 
habe den in die kyrillische Schrift transkribierten Namen nicht erkannt! Noch 
schlimmer ist, dass diese Information bereits auf Englisch in seiner 
ausführlichen Publikation im Journal der Britischen Interplanetaren 
Gesellschaft (2004, Band 57, Anhang 1, S. 56) erschienen ist und es mir 
irgendwie entging, als ich diesen Artikel vor einigen Monaten las. Nach einem 
weiteren Austausch mit Bart über sein Interview mit Trifonow bin ich nicht 
mehr so von der Deutung als Lastertest überzeugt. Trifonow erklärte, dass das 
Erkennen von Lichtquellen auf der Oberfläche im Wesentlichen eine 
Navigationsmethode von Astrofisika war, die dazu diente, genau zu bestimmen, 
wie genau das Ionentriebwerk das Überfliegen eines bestimmten Punktes 
ermöglichte. Sollte dies alles sein, dann diente die Mission Astrofisikas im 
Wesentlichen der Antriebstechnologie.


Tabelle kürzlich erfolgter Starts
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Datum  UT     Name              Trägerrakete    Startgelände      Aufgabe    I.D.

15 Jul 1002   Aura              Delta 7920      Vandenberg SLC2W  Forschung  26A
18 Jul 0044   Anik F2           Ariane 5G+      Kourou ELA3       Komm.      27A
22 Jul 1746   Kosmos 2407       Kosmos-3M       Plessezk LC132    Navigation 28A
25 Jul 0705   Tan Ce 2          CZ-2C/SM        Taiyuan           Forschung  29A
 3 Aug 0616   MESSENGER         Delta 7925H     Canaveral SLC17B  Sonde      30A
 4 Aug 2232   Amazonas          Proton-M/Bris-M Baikonur LC200/39 Komm.      31A
11 Aug 0503   Progress M-50     Sojus-U         Baikonur LC1      Fracht     32A

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|  Jonathan McDowell                 |  phone : (617) 495-7176            |
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