Ausgabe 534

Jonathan's Space Report                 Deutsche Übersetzung von Markus Dolensky
Nr. 534                                        8. September 2004, Somerville, MA
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Fred Whipple
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Fred Whipple verstarb am 30. August im Alter von 97 Jahren. Fred war ein 
Raumfahrtpionier. Er entdeckte 1932 seinen ersten Kometen; im 2. Weltkrieg 
erfand er Radarabwehrmaßnahmen; 1946 ersann er den "Whipple-Schild" zum 
Schutz vor Meteoriten, der in heutigen Raumfahrzeugen eingesetzt wird; und 
1950 entwickelte er das mittlerweile anerkannte Modell "des schmutzigen 
Schneeballs" für Kometen. Er war 1955 - 1973 Direktor des Smithsonian 
Observatoriums (SAO) und leitete die amerikanische optische Bahnverfolgung 
des Sputniks und anderer früher künstlicher Satelliten. Durch das Moonwatch-
Programm wurde SAO als Informationsquelle für Satelliten weltweit bekannt. 
Fred war bis weit in die 90er wissenschaftlich aktiv tätig. Wenngleich er 
nach einem Fahrradunfall im Alter von 89 nicht mehr zur Arbeit radelte, sahen 
wir häufig das Auto mit dem Nummernschild "COMETS" draußen geparkt. In den 
letzten Jahren war er ein Mitglied des Wissenschaftsteams der Kometenmission 
Contour. Fred kam 1931 nach Harvard (wo SAO jetzt angesiedelt ist). Er räumte 
erst vor wenigen Wochen sein Büro und war noch geistig fit, wenngleich 
körperlich schwach. Fred war auch für seinen Sinn für Humor und seine 
Zugänglichkeit bekannt. Wir werden ihn vermissen.

Nemesis für Genesis
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Am 8. September kehrte die Raumsonde Genesis als erstes künstliches Objekt 
von jenseits der Mondbahn zur Erdeoberfläche zurück. Leider öffnete sich das 
Fallschirmsystem nicht und die Kapsel schlug mit großer Geschwindigkeit in 
der Wüste von Utah auf. Die Kapsel ist im Wüstenboden eingebettet und wurde 
aufgerissen. Es steht noch nicht fest, in welchem Ausmaß die Solarwindproben 
ruiniert wurden.

Nach Bahnmanövern am 9. August, 29. August und 6. September trennte sich die 
Landekapsel SRC vom Genesis-Mutterschiff am 8. September 1153 UTC 66000 km 
über der Erde ab. Um 1215 UTC führte die Raumsonde ein kleines 
Separationsmanöver aus und verglühte [sic!] um ungefähr 1550 UTC über dem 
Pazifik. Um 1555 UTC trat das SRC über Oregon mit ungefähr 11 km/s (relativ 
zur Erde) und in einem Gleitwinkel von 8,25 Grad in die Atmosphäre ein, was 
ein orbitales Perigäum nahe bei null und ein Apogäum von etwa 1,5 Millionen 
Kilometer ergab. Das Hitzeschild SRCs schützte es während des 
Wiedereintritts. Eine Kartusche sollte den Bremsfallschirm in 33 km Höhe 
auslösen. Sie zündete jedoch nicht und so stürzte SRC um 1558 UTC 
unkontrolliert im Truppenübungsgelände Dugway des Testgeländes Utah bei 40 07 
40 N 113 30 29 W ab. Die Aufprallgeschwindigkeit war mit circa 40 bis 90 m/s 
über 200-mal langsamer als noch einige Minuten zuvor, aber noch immer mehr 
als genug, um das Gerät zu zertrümmern.

Internationale Raumstation
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Die Astronauten Padalka und Fincke in den Raumanzügen Orlan M-25 und M-26 
unternahmen am 3. September von der Pirs-Luftschleuse aus einen 
Außenbordeinsatz. Pirs wurde gegen 1621 UTC dekomprimiert. Die Luke war 
zwischen 1643 und 2204 UTC geöffnet. Der Druckausgleich begann um 2206 UTC 
und so betrug die Vakuumzeit insgesamt 5 h 46 m. Sie montierten Ausrüstung an 
den Modulen Sarja und Swesda. (Wieder einmal gebührt der Dank für die 
Zeitangaben Andrey Krasilnikov.) Der alte PIG-Container Sarjas samt 
Schalttafel für das Flussregelventil RRZh1 mit 70 kg wurde um 1729 UTC 
ausgebaut und während der EVA um 2151 UTC abgeworfen. Drei zusätzliche 
Antennen für Andockmanöver mit dem europäischen Frachtschiff ATV wurden an 
Swesda angebracht. Fünf Antennenabdeckungen wurden gegen 2100 UTC abgeworfen 
und mindestens zwei Reinigungstücher wurden um 2110 UTC über Bord geworfen. 
Insgesamt fünf Objekte wurden von Space Command katalogisiert, wobei es sich 
bei einem um den Container handeln dürfte.

Chinesischer Satellit
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Ein neuer chinesischer bergungsfähiger Satellit wurde am 29. August mit einer 
CZ-2C-Trägerrakete vom Raumfahrtzentrum Jiuquan auf eine Umlaufbahn von 165 x 
490 km x 63,0° befördert. Es ist ein Satellit des Baumusters FSW, von dem 
angenommen wird, dass er nach 27 Tagen im All eine Landekapsel zur Erde 
retournieren wird. Es überrascht mich ein wenig, dass die CZ-2C und nicht die 
verbesserte CZ-2D eingesetzt wurde, die bei den letzten drei FSW-Starts 
verwendet wurde. Die CZ-2C wurde beim älteren Modell FSW-1 genutzt und nicht 
bei den moderneren Varianten FSW-2 und JB-4. Chen Lan deutete jedoch an, dass 
es sich um eine der gestreckten CZ-2C handelte, die vom Iridium-Programm 
übrig geblieben waren und über eine größere Nutzlastkapazität verfügen 
könnten. Diese Mission hat das höchste Apogäum aller bisheriger FSW-Flüge. 
Der Satellit hat bislang noch keine amtliche chinesische Bezeichnung 
erhalten.

Israelischer Fehlstart
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Der Spionagesatellit Ofeq-6 gelangte am 6. September nicht in eine 
Umlaufbahn. Laut Jerusalem Post versagte die dritte Stufe der Trägerrakete 
Shavit und die Nutzlast fiel in das Mittelmeer. Der Startzeitpunkt wurde mit 
13:53 Lokalzeit angegeben, was 1053 UTC entsprechen dürfte. Die untereren 
beiden Stufen trennten sich ab und um 1102 UTC in 260 km Höhe sollte die 
Drittstufe AUS-51 für 92 s zünden und den Satelliten auf eine rückläufige 
Umlaufbahn von 260 x 770 km x 143,5° bringen. (Die meisten Länder starten 
nach Osten, um Energie von der Erdrotation zu gewinnen. Israel startet nach 
Westen über das Mittelmeer, um Missverständnisse mit seinen östlichen 
Nachbarn zu vermeiden.) Ohne den Antrieb durch die dritte Stufe war die 
Trägerrakete vermutlich auf einer Bahn von etwa -5700 x 260 km, was zu einem 
Aufschlag um circa 1106 UTC irgendwo südlich von Kreta führte.

Atlas Centaur IIAS AC-167
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Die letzte Lockheed Martin Atlas IIAS, AC-167, hob am 31. August um 2317 UTC 
ab und brachte bis zum 1. September 0030 UTC eine geheime Nutzlast des US-
Nachrichtendienstes auf eine elliptische Umlaufbahn von ungefähr 400 x 40000 
km x 63 Grad. Bei der Nutzlast handelt es sich vermutlich um einen 
Fernmeldesatelliten, der Daten von Bildaufklärungssatelliten überträgt. Die 
Centaur-Oberstufe entleerte ihren restlichen Treibstoff um 0100 UTC und die 
resultierende Wolke wurde von Amateurbeobachtern gesichtet. Der Start erhielt 
die Tarnbezeichnung NROL-1. Beim Satelliten USA 179 handelte es sich nach USA 
137 im Januar 1998 um den zweiten Start einer Atlas für die NRO auf eine 
elliptische Bahn. Zwei Atlas-Starts für die NRO im Dezember 2000 und Oktober 
2001 auf geostationäre Bahnen könnten der gleichen Serie von 
Datenrelaissatelliten gedient haben.

Die erstmals 1957 gestartete Atlas-Rakete zeichneten zwei ungewöhnliche 
Merkmale aus, als sie von Convair/San Diego eingeführt wurde (später 
GD/Astronautics, später Martin Marietta und schließlich Lockheed Martin; die 
Produktion wurde in den 90er Jahren zum alten Titan-Fertigungswerk Martin 
Mariettas in Denver verlegt). Zum einen war die eineinhalbstufige 
Konstruktion des Antriebssystems MA-1 (dessen neuere Versionen als MA-2, MA-3 
und schließlich das aktuell eingesetzte als MA-5 bezeichnet wurden), wobei 
gemeinsame Treibstofftanks drei Raketenmotoren versorgten, von denen zwei in 
einem "Boosterpaket" nach zwei Minuten Flug abgeworfen wurden (bei den Starts 
der Atlas A 1957 war dieses System nur eine Attrappe, während es bei der 
Atlas B 1958 erstmals tatsächlich eingesetzt wurde). Dadurch wurde ein 
starker Anfangsschub gewährleistet und es wurde so möglich, früh einen Teil 
der schweren Maschinerie loszuwerden. Die Atlas-Hauptstufe konnte mit einer 
beträchtlichen Nutzlast in den Orbit gelangen, so wie bei John Glenns 
Mercury-Mission. Das zweite ungewöhnliche Merkmal war der "Ballontank" der 
Hauptstufe. Die Stufe hatte eine sehr dünne Wandung und musste, wenn sie 
nicht betankt war, ständig mit Stickstoff unter Druck gehalten werden, 
ansonsten würde sie unter ihrem eigenen Gewicht zusammenknicken und sich zu 
spektakulären unerwünschten Formen zusammenfalten (wie sie es bei 
verschiedenen Gelegenheiten auch tatsächlich demonstrierte). Beim heutigen 
Flug kam das eineinhalbstufige Antriebssystem MA-5 letztmals zum Einsatz. Es 
ist noch ein weiterer Flug mit dem Ballontank AC-206 für Januar geplant - 
diese Atlas 3 setzt anstelle des MA-5 ein russisches Triebwerk vom Typ RD-180 
ein, hat aber noch viele Elemente mit der klassischen Atlas gemein. Die neu 
eingeführte Atlas 5 ist eine völlig andere Rakete, die weder ein Boosterpaket 
noch einen Ballontank aufweist.


Tabelle kürzlich erfolgter Starts
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Datum  UT     Name              Trägerrakete    Startgelände      Aufgabe    I.D.

 3 Aug 0616   MESSENGER         Delta 7925H     Canaveral SLC17B  Sonde      30A
 4 Aug 2232   Amazonas          Proton-M/Bris-M Baikonur LC200/39 Komm.      31A
11 Aug 0503   Progress M-50     Sojus-U         Baikonur LC1      Fracht     32A
29 Aug 0750   FSW               CZ-2C           Jiuquan           Erdbeob.   33A
31 Aug 2317   USA 179 (NROL-1)  Atlas IIAS      Canaveral LC36A   Komm.?     34A
 6 Sep 1053   Ofeq-6            Shavit          Palmachim         Erdbeob.   F01

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