Ausgabe 549

Jonathan's Space Report                 Deutsche Übersetzung von Markus Dolensky
Nr. 549                                            27. Juni 2005, Somerville, MA
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Cosmos 1/Wolna
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Die ehrgeizige durch die Planetary Society privat finanzierte Sonnensegelmission 
Cosmos 1 ging beim Start am 21. Juni verloren. Es war der zweite Fehlstart für 
die russische Raumfahrtindustrie innerhalb von 24 Stunden. 

Die U-Boot-gestütze ballistische Wolna-Rakete wurde um 1946:09 UTC von K-496 
"Borissoglebsk", einem Unterseeboot der Kalmar-Klasse, in der Barentssee ge-
startet. Es wurde gemeldet, dass das Triebwerk der Wolna-Erststufe nach 83 
Sekunden Flugzeit versagte und sich die ersten beiden Stufen nicht voneinander 
trennten. Der Raketenaufstieg endete 160 Sekunden nach dem Start; sie erreichte 
vermutlich etwa 200 km Höhe, bevor sie zurück zur Erde fiel.

Kompliziert wird die Sachlage durch einen Bericht der Planetary Society, in der 
vom Empfang von Satellitentelemetrie und dem Kontaktverlust während des Apo-
gäumsmanövers um 2007 UTC die Rede ist. Das würde auf ein Versagen bei der 
letzten Zündung der Oberstufe im Apogäum hindeuten, als sich das Gefährt auf 
einer Bahn von -2000 x 765 km x 80° befand und hätte zu einem Wiedereintritt um 
2019 UTC über dem äquatornahen Pazifik geführt. Es ist jedoch nicht unge-
wöhnlich, dass Streusignale mit dem echten Ziel verwechselt werden. Spätere Be-
hauptungen über empfangene Telemetrie während des zweiten Umlaufes ziehen aber 
auch die Information vom Apogäumsmanöver in Zweifel. Im Augenblick sieht es eher 
danach aus, dass das Raumfahrzeug nach 1950 UTC nicht mehr existierte und dass 
alle Meldungen über spätere Signale falsch sind. Es bleibt jedoch ein Rest an 
Ungereimtheiten und ich hoffe, in einer zukünftigen Ausgabe weitere Einzelheiten 
mitteilen zu können.

Es ist eine persönliche Enttäuschung: Der von der Planetary Society (TPS) geför-
derte Cosmos 1 war ein faszinierendes Projekt, das von Enthusiasten und privaten 
Spendern finanziert wurde und ich habe mich wirklich darauf gefreut, es in 
Aktion zu erleben. 

Die 103-kg-Nutzlast war mit einem Apogäumsmotor für den Bahneinschuss ausge-
stattet. Nach dem Erreichen der Umlaufbahn sollten sich die acht aus aluminium-
beschichteten Mylar gefertigten Segel mit 30 Meter Spannweite entfalten. Die 
geplante 850-km-Bahn wäre hoch genug gewesen, um den Druck der solaren Strahlung 
vor dem Hintergrund der Reibung durch die Restatmosphäre zu messen. Die er-
wartete resultierende Kraft hätte 3 Millinewton betragen. Das hätte Cosmos 1 zum 
ersten Raumfahrzeug mit Sonnensegelantrieb gemacht. 

Der solare Strahlungsdruck im Umfeld der Erde beträgt 4,6 Mikropascal. Zum Ver-
gleich, am heutigen Tag betrug der Druck des Sonnenwindes nur 0,4 Nanopascal, 
üblicherweise sind es ein paar nPa. Der typische atmosphärische Reibungswider-
stand in 850 km ist 0,1 Mikropascal. Zum Vergleich, in Höhen von 400 km wie bei 
der ISS sind es etwa 30 Mikropascal.

In manchen Berichten wurde irrtümlich behauptet, dass auch der suborbitale 
Wiedereintrittskörper der ESA, Demonstrator-2R, mit an Bord der Wolna sein 
sollte. Gunter Krebs stellte dies klar: Dem-2R ging zur selben Zeit wie Cosmos 1 
zum Startplatz, ist aber für einen anderen Wolna-Start im Juli vorgesehen.

Es ist schon mindestens sieben weitere Male vorgekommen, dass zwei Satelliten-
starts innerhalb von 24 Stunden fehlschlugen. Der Rekord datiert auf den 17. Mai 
1966, als innerhalb von 4 Stunden 15 Minuten eine Woschod/Zenit ins Gras ge-
bissen und eine Atlas-Agena mit einem Gemini-Kopplungsziel ihr nasses Grab fand.

Anmerkung: Natürlich hat der Satellit Cosmos-1 der Planetary Society nichts mit 
dem 1962 gestarteten sowjetischen Satelliten Kosmos 1 (entsprechend der Trans-
literation der kyrillischen Schrift) zu tun.

Molnija
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Der Start einer Trägerrakete des Typs Molnija 8K78M am 21. Juni schlug fehl. Die 
vierstufige Rakete hob um 0049 UTC vom Ersten Staatlichen Raketenversuchsgelände 
Plessezk ab. Die Blok-I-Drittstufe, die Blok-ML-Viertstufe und die Satelliten-
nutzlast Molnija-3K stürzten in der sibirischen Region Tjumen ab. Erste Mel-
dungen besagen, dass das Raketentriebwerk zum Zeitpunkt der Trennung der zweiten 
und dritten Stufe 4 Minuten 58 Sekunden nach dem Start versagte, entweder, weil 
die Blok-I nicht zündete oder die Blok-A-Zweitstufe sich nicht sauber abtrennte. 
In einem neuen Bericht heißt es, dass es ein Problem mit einer der Flüssig-
Starthilfsraketen (Blok B, V, G oder D) gab. Die Details kommen gerade erst 
herein.

Normalerweise bringt die Blok-I-Stufe die Nutzlast samt Oberstufe auf eine Park-
bahn, aber in diesem Fall erreichte das Gefährt auf seiner suborbitalen Flugbahn 
vermutlich ein Apogäum von 180 - 190 km. Schätzungen der Bahnparameter von -5000 
x 185 km x 62,8° bzw. -4500 x 200 km x 62,8° passen in etwa mit der 2/3-Stufen-
trennung überein und würden zu einem Wiedereintritt um circa 0059 UTC geführt 
haben. 

Da die Molnija im Prinzip eine vierstufige Sojus-U ist, könnte dieser Fehlschlag 
weitere Sojus-Starts verzögern. Die Starts des kommerziellen US-Satelliten 
Galaxy 14 und eines Progress-Frachtschiffes sind für August geplant. Es war dies 
der erste Fehlschlag einer Sojus/Molnija-Trägerrakete seit der verhängnisvollen 
Explosion einer Sojus mit dem ersten Foton-M auf der Startrampe im Jahre 2002 
und den zwei Sojus-Fehlstarts 1996, die durch Probleme mit der Nutzlast-
verkleidung verursacht wurden. Beim legendären Absturz im April 1975 wurden die 
beiden Sojus-Astronauten durch ein 2/3-Stufentrennungsproblem dazu gezwungen, 
einen Notfall-Wiedereintritt durchzuführen, bei dem hohe g-Kräfte auftraten.

Der Fernmeldesatellit Molnija-3K wurde von NPO PM gebaut und stellt dem 
russischen Verteidigungsministerium Kommunikations- und möglicherweise Video-
verbindungen zur Verfügung. Früher dienten Molnija-3-Satelliten auch der zivilen 
Kommunikationen. Der letzte Molnija-3 wurde am 19. Juni 2003 gestartet. Diesmal 
wurde der zweite Molnija-3K, der dem Prototyp vom 20. Juli 2001 nachfolgte, ge-
startet. Alexander Schelesnjakow teilte mir mit, dass die Startrampe 16/2 in 
Plessezk benutzt worden war.

Intelsat Americas 8
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Am 23. Juni beförderte Sea Launch Intelsat Americas-8 nach oben und durchbrach 
die Serie von Fehlschlägen. IA-8 ist ein verbesserter Satellit der Baureihe 
Loral LS-1300 mit Ku-, C- und Ka-Band-Transpondern. Die Startmasse betrug 5493 
kg. Eigner des Satelliten ist Intelsat, das vor Kurzem privatisierte Kommuni-
kationsunternehmen, das jetzt auf den Bermudas firmiert. Die dritte Stufe der 
Trägerrakete Zenit-3SL, die Blok DM-SL, setzte IA-8 auf einer geostationären 
Transferbahn von 144 x 35609 km x 0,1° aus.

Express AM-3
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Der neue Fernmeldesatellit Express AM-3 für den russischen Binnenmarkt wurde am 
24. Juni von Baikonur gestartet. Trägerrakete war eine Chrunitschew Proton-K. 
Laut der Webseite von Nowosti Kosmonawtiki (NK) war die eingesetzte Oberstufe 
eine Energia Blok DM-2 (11S861), Nr. 103L. Bei früheren Express-Satelliten wurde 
die modernisierte Version DM-2M der Stufe verwendet, während kommerzielle Flüge 
von International Launch Services mit der verstärkten Proton und Bris-M durchge-
führt werden.

Die Seite von NK gibt die Seriennummer der Proton-K mit 410-10 an. Auf der 
offiziellen Webseite von TsENKI ist ein Dokument, nach dem 410-07 eingesetzt 
werden sollte. Nach meinen Informationen wurde 410-07 bereits letzten Dezember 
bei einem Glonass-Start verwendet.

Der Satellit Express AM-3 wurde von NPO PM für das russische Satellitenkommuni-
kations-Unternehmen Kosmitscheskaja Swjas gebaut. Er ist mit einer Kommuni-
kationsnutzlast von Alcatel mit Ku- und C-Band-Transpondern sowie einem L-Band-
Transponder für Mobilkommunikation ausgestattet.

 Satelliten der Reihe Express AM:
         Startdatum      Oberstufe        Position
  AM-22  28. Dez. 2003   DM-2M Nr. 13L    53,0° E
  AM-11  26. Apr. 2004   DM-2M Nr. 14L    96,5° E
  AM-1   29. Okt. 2004   DM-2M Nr. 15L    40,0° E
  AM-2   29. März 2005   DM-2M Nr. 16L    80,0° E
  AM-3   24. Juni 2005   DM-2 Nr. 103L    geplant für 40° E [sic!]

Mit der ersten Zündung gelangte die Blok DM-2 auf eine Transferbahn von 231 x 
35689 x 48,8°. Ein zweites Bahnmanöver wandelte den Orbit in eine geostationäre 
Kreisbahn und am 25. Juni 0215 UTC trennte sich Express AM-3 ab.

Raumstation
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Progress M-52 (Seriennummer 352) legte am 15. Juni um 2016 UTC vom Swesda-Modul 
der Raumstation ab. Die Triebwerkszündung um 2316 UTC senkte seine Bahn von 347 
x 353 km auf 62 x 353 km und um 2357 UTC erfolgte der Wiedereintritt über dem 
Pazifik.

Die Besatzungsmitglieder der Expedition 11 Sergej Krikaljow und John Phillips 
bleiben an Bord der Raumstation, während die Besatzung von STS-114 sich auf die 
Wiederaufnahme des Raumfähren-Flugbetriebes vorbereitet.

Das Progress-Raumfahrzeug 353 wurde am 16. Juni 2310 UTC von Baikonur gestartet 
und nach Erreichen einer Umlaufbahn von 187 x 238 km um 2318 UTC als Progress 
M-53 bezeichnet. Progress M-53 führt die Raumstationsmission 18P durch und 
bringt Versorgungsgüter zur Station. Progress M-53 koppelte am 19. Juni 0042 UTC 
an das Swesda-Modul. AP (und CNN) zitierten den russischen Sprecher V. Lyndin 
mit der Aussage, dass das Kopplungsmanöver erfolgreich im automatischen Modus 
durchgeführt worden sei. Tatsächlich jedoch, und wie von CBS und MSNBC 
berichtet, übernahm nach einem Kommunikationsausfall Kommandant Krikaljow die 
manuelle Fernsteuerung und lotste das Fahrzeug mit dem TORU-System herein. Die 
Raumkapsel Sojus TMA-6 ist an das Pirs-Modul gekoppelt und der Sarja-Adapter ist 
frei.

Foton
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Foton M-2 landete am 16. Juni 0736 UTC nach einer erfolgreichen Mission in 
Kasachstan.

Erratum: Wie ich inzwischen erfahren habe, war das Experiment Fotino nicht wie 
geplant an Bord von Foton M-2, da Fotino nicht rechtzeitig fertigstellt worden 
war.


Tabelle kürzlich erfolgter Starts
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Datum  UT     Name              Trägerrakete    Startgelände     Aufgabe    I.D.

 5 Mai 0445   Cartosat )        PSLV            SDLC SLP         Erdbeob.    17A
              HAMSAT   )                                         Komm.       17B
20 Mai 1022   NOAA 18           Delta 7320      Vandenberg SLC2W Wetter      18A
22 Mai 1759   DirecTV 8         Proton-M/Bris   Baikonur LC200/39 Komm.      19A
31 Mai 1200   Foton-M Nr. 2     Sojus-U         Baikonur LC1     Mikrograv.  20A
16 Jun 2310   Progress M-53     Sojus-U         Baikonur LC1     Fracht      21A
21 Jun 0049   Molnija-3K        Molnija-M       Plessezk LC16/2  Komm.       F01
21 Jun 1946   Cosmos 1          Wolna          Borissoglebsk,BAR Tech.       F02
23 Jun 1402   Intelsat A-8      Zenit-3SL       Odyssey,POR      Komm.       22A
24 Jun 1941   Express AM-3      Proton-K/DM2    Baikonur         Komm.       23A

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